Mangel an Intensivbetten: Es liegt am Personal

Während die dritte Corona-Welle über Deutschland rollt, sinkt die Zahl der freien Intensivbetten. Liegt das wirklich daran, dass Betten abgebaut wurden? Oder hat dies andere Gründe?

Warum die Belegung der Intensivbetten oft falsch interpretiert wird

Während die dritte Corona-Welle über Deutschland rollt, sinkt die Zahl der freien Intensivbetten. Liegt das wirklich daran, dass Betten abgebaut wurden? Oder hat dies andere Gründe? 

Intensivmediziner warnen bereits seit Wochen vor schwindenden Kapazitäten auf den Intensivstationen. Daran wird allerdings immer wieder gezweifelt und ein massiver Abbau der vorhandenen Betten verantwortlich dafür gemacht. Das stimmt so aber nicht.

Einige Nutzer in sozialen Netzwerken argumentieren mit Zahlen aus dem Intensivregister der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) und des Robert Koch-Instituts (RKI). Auf den ersten Blick scheint sich die Gesamtzahl der belegten Intensivbetten in Deutschland seit rund einem Jahr um die Zahl 20.000 zu bewegen. Gleichzeitig sinkt die Zahl der freien Betten.

Doch bei den Daten zur Auslastung der Intensivstationen gibt es einiges zu beachten. "Niemand baut Betten ab, aber wir haben einfach nicht das Personal, um sie zu betreiben", sagte eine DIVI-Sprecherin. Ein freies Bett könne im Intensivregister nur dann als frei gemeldet werden, wenn eine Klinik genügend Personal in der Ärzteschaft und in der Pflege habe, um einen Patienten oder eine Patientin darin zu versorgen.

Personalschlüssel haben sich während der Pandemie mehrmals geändert

Wie viele Pflegekräfte nötig sind, hat sich im Verlauf der Pandemie mehrmals geändert. Hinzu kommen Ausfälle durch erkranktes Klinikpersonal, die etwa in der zweiten Welle laut einer Divi-Sprecherin zunahmen. Zu Beginn waren zudem Personaluntergrenzen ausgesetzt. Als sie wieder eingeführt und schließlich im Februar auf tagsüber eine Pflegekraft pro zwei Intensivpatienten verschärft wurden, mussten Kliniken also Betten aus dem Intensivregister herausnehmen, für die sie kein Personal hatten. "Dadurch ist die Gesamtzahl zwar formal etwas runtergegangen", sagt Christian Karagiannidis, einer der Leiter des Divi-Intensivregisters, in einem Erklärvideo. "Aber es entspricht in keinem Fall einem Bettenabbau, sondern es entspricht der wirklichen realen Wiedergabe dessen, was wir in Deutschland an Intensivkapazität zur Verfügung haben."

Warum die Belegung bei steigenden Covid-19-Fällen nicht anstieg

"Auf den Intensivstationen ist eine Auslastung von 80 Prozent die absolute Obergrenze", sagte ein weiterer Leiter des DIVI-Intensivregisters, Steffen Weber-Carstens von der Berliner Charité, Anfang April. Kliniken müssten trotz der Corona-Pandemie für den Alltagsbetrieb freie Intensivplätze bereithalten. Sonst könnten etwa die Opfer eines größeren Autounfalls oder zwei, drei Schlaganfallpatient:innen an einem Tag nicht mehr adäquat versorgt werden, erläuterte eine Divi-Sprecherin.

Damit das gelingt, werden planbare Operationen abgesagt oder Patienten verlegt - die Kliniken stellen "vom Regelbetrieb auf den Notbetrieb" um, heißt es auf der Webseite des Divi-Intensivregisters. Die Behandlung der Vielzahl von Covid-19-Patient:innen Ende Dezember, Anfang Januar war nach Angaben der Divi-Sprecherin nur möglich, weil zum Beispiel andere Patient:innen früher als üblich auf andere Stationen verlegt wurden.

Der zweite Grund ist, dass sich in der Statistik für ganz Deutschland regionale Überlastungen der Intensivstationen und weniger belastete Regionen ausgleichen. Wie unterschiedlich die Belegung regional ist, kann man einer Karte im DIVI-Intensivregister entnehmen, die den Anteil der freien Betten auf Landkreis-Ebene zeigt. Engpässe beobachten Intensivmediziner:innen derzeit vor allem in Großstädten und Ballungsräumen.

Zahl der Patient:innen auf Intensivstationen beachten

Um die außergewöhnlich hohe Auslastung der Intensivstationen nachzuvollziehen, sollte man laut DIVI außerdem die Zahl der Covid-19-Patient:innen auf Intensivstationen betrachten: Diese Kurve zeige steil nach oben und liege derzeit bei rund 4800. Der bisherige Spitzenwert lag Anfang des Jahres bei über 5700. Mediziner:innen des DIVI-Intensivregisters fürchten, dass es demnächst 6000 Covid-19-Intensivpatient:innen geben könnte.

Seit kurzem stuft die Mehrheit der Intensivstationen ihre Betriebssituation wieder als eingeschränkt ein, etwa beim Personal oder Material. Das war zuletzt während der zweiten Welle so. Diese Selbsteinschätzung ihrer Situation teilen die Intensivstationen dem DIVI-Intensivregister seit Beginn der Pandemie mit.

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