Unilaterale Zerebralparese: Neue S3-Leitlinie

Bei der Behandlung von Patienten mit unilateraler Zerebralparese (uCP) ist noch viel Luft nach oben. Evidenzbasierte Therapieverfahren sind zwar vorhanden, werden aber bisher wenig eingesetzt. Das soll eine neue Leitlinie ändern.

Das Wichtigste auf einen Blick

Diagnostik der ICP

Die Herausforderung bei der Diagnostik der ICP, auch unilaterale Zerebralparese (uCP) genannt, besteht darin, dass sie auch ohne jegliche Risikokonstellationen auftreten kann. Die meisten Kinder haben keine auffällige Vorgeschichte, was häufig dazu führt, dass die Diagnose erst nach einigen Monaten gestellt wird. Um eine ICP zu erkennen, ist die Kombination und Persistenz der Symptome entscheidend. 

Die Leitlinie führt hier klare Erkennungsmerkmale auf: eine kombinierte, persistierende Asymmetrie der Primitivreflexe, der Haltung und sowie des Muskeltonus liefert klare Hinweise und sollte zu einer weiteren diagnostischen Abklärung führen.

Die Therapie umfasst verschiedene Bausteine, angefangen von Frühinterventionen über eine Intensivtherapie bis hin zu alltagsorientierten ergotherapeutischen und computergestützten Ansätzen. Zur entwicklungsbegleitenden Physiotherapie, die zu den Frühinterventionen zählt, gibt es zwar aktuell noch keine ausreichende Evidenz; nach einer Nutzen-Risiko-Abwägung ergab sich jedoch ein Expertenkonsens für bewährte Konzepte wie die von Bobath, Vojta oder Petö.

Zu den Frühinterventionen zählt auch das sogenannte COPCA-Verfahren (COPing with and CAring for Infants with Special Needs). Dabei wird die Familie als zentrales therapeutisches Umfeld betrachtet und versucht, individuelle Lösungsansätze für den Alltag zu entwickeln. In Deutschland werden aktuell vereinzelt Kurse angeboten, die DGSPJ möchte das Verfahren aber in Zukunft weiter vorantreiben und ausbauen. Dass nur eine „kann“-Empfehlung ausgesprochen wurde, ist der Tatsache geschuldet, dass sich die Studienlage auf die Zerebralparese insgesamt bezieht und nicht speziell auf die uCP.

Starke Evidenz für Intensivtherapie der oberen Extremitäten

Auf einer gesicherten Datengrundlage steht dagegen die Intensivtherapie der oberen Extremitäten. Dazu gehören verschiedene Verfahren mit hoher Intensität, repetitiven Übungen und einer schrittweisen Steigerung des Schwierigkeitsgrades, wie z. B.:

  • die modifizierte Constraint-Induced Movement Therapy (mCIMT), bei der die weniger betroffene Hand durch eine Schiene in ihrer dominanten Nutzung blockiert wird,
  • das Hand-Arm-Bimanual-Intensive-Training (HABIT), bei dem beide Extremitäten involviert sind.

Hierzu wurde einstimmig eine Empfehlung mit einem maximalen Evidenzgrad („soll“, A) ausgesprochen, da die Studienlage hinsichtlich einer Verbesserung der bimanuellen Performanz, der unimanuellen Geschicklichkeit und der Selbständigkeit in Aktivitäten des täglichen Lebens eindeutig ist. 

Welches Verfahren bevorzugt wird, richtet sich nach der jeweiligen Zielsetzung: Bei einem ausgeprägten „Learned Non-use“ ist die mCIMT überlegen, während die HABIT die Selbständigkeit im Alltag besser fördert. Beides ist mit einer „sollte“-Empfehlung belegt.

Botulinum Toxin A

Zum Behandlungsspektrum der uCP gehören auch Medikamente wie beispielsweise A. Für die obere Extremität besteht eine gute Evidenz, so dass mit starkem Konsens eine „soll“-Empfehlung dafür ausgesprochen wird. Der Wirkstoff verbessert bei uCP-Patienten mit muskulärer Hyperaktivität nachweislich den aktiven Bewegungsumfang, die bimanuelle Performanz und die unimanuelle Geschicklichkeit. Bei den unteren Extremitäten war das Leitlinienkomitee zurückhaltender und einigte sich auf eine „kann“-Empfehlung.

Im Dezember 2025 soll die Leitlinie veröffentlicht werden. Damit verbindet sich die Hoffnung, dass alte, etablierte, aber wenig evidenzbasierte Behandlungspraktiken aufgebrochen werden und der bestehende Heilmittelkatalog in absehbarer Zeit überarbeitet wird.

Quelle:
  1. Mall, Volker (München): Die neue Leitlinie unilaterale Zerebralparese. Sitzung „Leben mit motorischer Einschränkung“. Kongress für Kinder- und Jugendmedizin, 24.–27.09.2025, Leipzig.