Social Media und Kinder: Was die Kinderärzte fordern und was die Daten zeigen
Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte fordert nationale Regeln für Social Media und zeigt sich offen für eine Altersgrenze von 14 Jahren. Ein Überblick über aktuelle Zahlen, Studien und den Stand der Debatte in Europa.
Was fordert der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte?
Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) hat am 8. August 2026 nationale Vorgaben für soziale Medien gefordert. Verbandssprecher Jakob Maske sagte, es gebe bereits Möglichkeiten, Plattformen national Auflagen zu machen, und am Ende brauche es harte Regeln für die Betreiber. Der Verband zeigt sich außerdem offen für eine Altersgrenze von 14 Jahren als einen von mehreren Bausteinen.1
Der BVKJ verweist auf den Praxisalltag: Präsident Michael Hubmann berichtete bereits im März 2025, psychische Störungen und medienbezogene Störungen träten dort immer häufiger auf. Er sprach sich außerdem dafür aus, ein Screening auf Mediensucht in die J1- und J2-Vorsorgeuntersuchungen zu integrieren.2
Wie verbreitet ist problematische Mediennutzung bei Kindern und Jugendlichen?
Die DAK-Gesundheit untersucht gemeinsam mit dem Deutschen Zentrum für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters (DZSKJ) am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) in einer Längsschnittstudie die Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen. In der achten Welle (Herbst 2025) wurden 1.005 Familien mit Kindern zwischen 10 und 17 Jahren befragt. Danach zeigten 21,5 % der Kinder und Jugendlichen eine riskante und 6,6 % eine pathologische Nutzung sozialer Medien. Das entspricht hochgerechnet mehr als 1,4 Millionen Betroffenen.3
Im Vorjahr lag der Anteil der pathologischen Nutzung bei 4,7 %. Der Anstieg ist statistisch nicht signifikant (p = 0,066). Deutlich unterscheiden sich die Altersgruppen: Bei den 14- bis 17-Jährigen lag die pathologische Nutzung bei 10,2 %, bei den 10- bis 13-Jährigen bei 2,7 %. Jungen (6,7 %) und Mädchen (6,5 %) unterschieden sich nicht signifikant.3 Zum Vergleich mit der Zeit vor der Pandemie: Nach der Vorjahresstudie lag der Anteil riskanter und pathologischer Social-Media-Nutzung 2019 bei 11,4 % und im Herbst 2024 bei über 25 %.4
Was sagen internationale Studien zu Social Media und psychischer Gesundheit?
Eine im März 2026 in JAMA Pediatrics veröffentlichte Metaanalyse wertete 153 Längsschnittstudien aus (115 Kohorten, 1.072 Effektstärken, Alter 2 bis 19 Jahre). Eine höhere Social-Media-Nutzung war mit mehr depressiven Symptomen (r = 0,09), externalisierendem Verhalten (r = 0,13), internalisierendem Verhalten (r = 0,14), selbstverletzenden Gedanken und Verhaltensweisen (r = 0,11) sowie schlechteren schulischen Leistungen (r = −0,07) assoziiert. Der Zusammenhang mit Depressivität war in der frühen Adoleszenz stärker.5
Die Effekte sind klein, und die Studie erlaubt keine Aussage zu Ursache und Wirkung. Die Autorinnen und Autoren weisen selbst darauf hin, dass sich Kausalität nicht ableiten lässt und viele Studien Ausgangswerte nicht berücksichtigten.5 Externe Fachleute betonten zudem, dass Kinder mit Belastungen soziale Medien auch häufiger nutzen könnten, der Zusammenhang also in beide Richtungen wirken kann.6 Wie sich Social-Media-Nutzung auf die psychische Gesundheit Jugendlicher auswirkt, hat esanum bereits in einem eigenen Beitrag beleuchtet.
Für jüngere Kinder liegen auch deutsche Daten vor. In der Leipziger LIFE-Child-Studie erreichten 296 Kinder zwischen 2 und 5 Jahren mit mehr als einer Stunde Bildschirmzeit täglich in Entwicklungstests rund 11 Perzentilpunkte weniger bei der Kognition, 13 bei der Sprache und 8 bei der sozial-emotionalen Entwicklung. Die Daten stammen aus einer Querschnittsuntersuchung und erlauben ebenfalls keine Aussage zur Kausalität.7
Wie steht es um Altersgrenzen in Deutschland und Europa?
In der Fachzeitschrift Child and Adolescent Mental Health plädierten Autorinnen und Autoren aus Vorsorgegründen für ein Verbot sozialer Medien für unter 16-Jährige. In derselben Debattenreihe erschienen auch Beiträge, die neben Verboten weitere Ansätze betonen.8
Australien hat als erstes Land am 10. Dezember 2025 die Nutzung sozialer Medien für unter 16-Jährige verboten.9 In Frankreich beschlossen Nationalversammlung (279 zu 81 Stimmen) und Senat (243 zu 2 Stimmen) im Juli 2026 ein Verbot für unter 15-Jährige.10 Der Verfassungsrat kippte das allgemeine Verbot jedoch am 14. August 2026. Er begründete das mit einem unverhältnismäßigen Eingriff in die Meinungs- und Kommunikationsfreiheit und mit fehlenden gesetzlichen Garantien für den Datenschutz bei der Altersprüfung.11 In Österreich ging am 27. Juli 2026 der Entwurf für ein Verbot algorithmenbasierter Plattformen für unter 14-Jährige in die Begutachtung.12
In Deutschland legte die unabhängige Expertenkommission „Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt“ am 24. Juni 2026 ihre Handlungsempfehlungen vor. Sie schlägt zwei Alternativen vor: eine gesetzliche Altersgrenze von 13 Jahren mit wirksamer Altersprüfung und abgestuften Schutzstandards, oder keine einheitliche Altersgrenze, dafür dienstespezifische Einschränkungen nach einer Risikobewertung.13,14 Bundesministerin Karin Prien sieht in einer gesetzlichen Altersgrenze von 13 Jahren grundsätzlich den richtigen Weg.13 Die vom BVKJ genannte Altersgrenze von 14 Jahren liegt damit etwas über dem Vorschlag der Kommission.
Wie lässt sich problematische Mediennutzung in der Praxis erfassen?
Für die deutsche Praxis liegt die AWMF-S2k-Leitlinie „Prävention dysregulierten Bildschirmmediengebrauchs in Kindheit und Jugend“ (2023) mit alters- und entwicklungsbezogenen Empfehlungen vor.15 Zur Einschätzung stehen Screeninginstrumente zur Verfügung, etwa die in der DAK-Studie eingesetzte Social Media Disorder Scale for Adolescents (SOMEDIS-A).3 Der BVKJ hält es für sinnvoll, ein Screening auf Mediensucht in die J1- und J2-Vorsorgeuntersuchungen zu integrieren.2
Auch die Versorgungslage spielt eine Rolle: Laut dem Psychiatrie-Barometer 2026 des Deutschen Krankenhausinstituts verzeichnet fast jede zweite Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie eine Zunahme von Internet- und Medienabhängigkeit. Zu den Folgen abendlicher Bildschirmnutzung für den Schlaf hat esanum einen Beitrag zum Einfluss von Bildschirmen auf den Schlaf veröffentlicht.
Was bedeutet das für die Praxis?
Die Datenlage zeigt Zusammenhänge zwischen Social-Media-Nutzung und psychischer Gesundheit, lässt aber wegen des Studiendesigns keine Aussage zur Ursache zu. Problematische Nutzung liegt in Deutschland seit der Pandemie auf einem hohen Niveau. Für die Praxis bedeutet das: Die Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen gehört in die Anamnese, ein Screening lässt sich in die Vorsorgeuntersuchungen integrieren, und auch Eltern profitieren bei der Medienerziehung von Beratung.
- Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ): Kinder- und Jugendärzte fordern nationale Schranken für Social Media. Pressemitteilung, 08.08.2026. https://www.presseportal.de/pm/58964/6329436 (letzter Zugriff: 30.09.2026).
- Deutsches Ärzteblatt: Wachsende Mediensucht bei Kindern und Jugendlichen: Experten zeigen sich besorgt. 12.03.2025. https://www.aerzteblatt.de/news/wachsende-mediensucht-bei-kindern-und-jugendlichen-experten-zeigen-sich-besorgt-ad077aab-3476-45a9-9d7a-8f70fce069bd (letzter Zugriff: 30.09.2026).
- DAK-Gesundheit, DZSKJ am UKE: Mediensucht 2026. Ergebnisbericht der Längsschnittstudie, Welle 8, Erhebung 24.09. bis 12.10.2025. https://www.dak.de/dak/unternehmen/reporte-forschung/dak-studie-mediensucht-2026_164552 (letzter Zugriff: 30.09.2026).
- DAK-Gesundheit: DAK-Suchtstudie: Millionen Kinder haben Probleme durch Medienkonsum. Pressemitteilung, 12.03.2025. https://www.dak.de/presse/bundesthemen/kinder-jugendgesundheit/dak-suchtstudie-millionen-kinder-haben-probleme-durch-medienkonsum-_91832 (letzter Zugriff: 30.09.2026).
- Teague S, Somoray K, Shatte A, et al. Digital Media Use and Child Health and Development: A Systematic Review and Meta-Analysis. JAMA Pediatr. Online 09.03.2026. doi:10.1001/jamapediatrics.2026.0085. https://doi.org/10.1001/jamapediatrics.2026.0085 (letzter Zugriff: 30.09.2026).
- Science Media Centre: Expert reaction to systematic review and meta-analysis on associations between digital media use and child health and development. 2026. https://www.sciencemediacentre.org/expert-reaction-to-systematic-review-and-meta-analysis-on-associations-between-digital-media-use-and-child-health-and-development/ (letzter Zugriff: 30.09.2026).
- Schwarzer C, Grafe N, Hiemisch A, Kiess W, Poulain T. Associations of media use and early childhood development: cross-sectional findings from the LIFE Child study. Pediatr Res. 2022;91(1):247-253. https://www.nature.com/articles/s41390-021-01433-6 (letzter Zugriff: 30.09.2026).
- Skinner A, Foljambe R. Debate: Social media in children and young people – time for a ban? It is time to take a precautionary approach. Child Adolesc Ment Health. 2025;30(4):419-421. https://doi.org/10.1111/camh.70037 (letzter Zugriff: 30.09.2026).
- AOK: Social-Media-Verbot: Das Ringen um die Altersgrenze. Stand 23.02.2026. https://www.aok.de/pp/gg/praevention/social-media-verbot/ (letzter Zugriff: 30.09.2026).
- ZDFheute: Frankreich beschließt Social-Media-Verbot für unter 15-Jährige. 21.07.2026. https://www.zdfheute.de/politik/ausland/frankreich-social-media-verbot-100.html (letzter Zugriff: 30.09.2026).
- Conseil constitutionnel: Décision n° 2026-911 DC du 14 août 2026, Communiqué de presse. https://www.conseil-constitutionnel.fr/actualites/communique/decision-n-2026-911-dc-du-14-aout-2026-communique-de-presse (letzter Zugriff: 30.09.2026).
- Bundeskanzleramt Österreich: Gesetzesentwurf für Social-Media-Verbot unter 14 geht in Begutachtung. 27.07.2026. https://www.bundeskanzleramt.gv.at/bundeskanzleramt/nachrichten-der-bundesregierung/2026/07/gesetzesentwurf-fuer-social-media-verbot-unter-14-geht-mit-dem-heutigen-tag-in-begutachtung.html (letzter Zugriff: 30.09.2026).
- Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Handlungsempfehlungen der Expertenkommission „Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt“. 24.06.2026. https://www.bmbfsfj.bund.de/bmbfsfj/themen/kinder-und-jugend/kinder-und-jugendschutz/handlungsempfehlungen-der-expertenkommission-kinder-und-jugendschutz-in-der-digitalen-welt--290244 (letzter Zugriff: 30.09.2026).
- netzpolitik.org: Jugendschutz-Empfehlungen: Expert*innen-Kommission schlägt Alternativen zum Social-Media-Verbot vor. 24.06.2026. https://netzpolitik.org/2026/jugendschutz-empfehlungen-expertinnen-kommission-schlaegt-alternativen-zum-social-media-verbot-vor/ (letzter Zugriff: 30.09.2026).
- AWMF-Leitlinie 027-075 (S2k): Prävention dysregulierten Bildschirmmediengebrauchs in Kindheit und Jugend. Version 1.0, 09/2023. https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/027-075 (letzter Zugriff: 30.09.2026).