Das Wichtigste auf einen Blick
- In der Studie wurden rund 1,25 Millionen Brillenverordnungen von 437.711 Kindern und Jugendlichen aus den Jahren 2001 bis 2025 ausgewertet.
- Der Anteil myoper Verordnungen bei Kindern und Jugendlichen nahm nicht zu, sondern sank sogar um 7,87 Prozentpunkte. Gleichzeitig verschoben sich die durchschnittlichen Werte leicht in Richtung Weitsichtigkeit: von +0,05 auf +0,53 Dioptrien.
- Über den gesamten Beobachtungszeitraum nahm die Kurzsichtigkeit nicht schneller zu als früher. Am stärksten war die jährliche Zunahme zwischen dem 8. und 12. Lebensjahr.
- Je stärker die Kurzsichtigkeit bei der ersten Verordnung war, desto höher war das Risiko einer hohen Myopie innerhalb von zehn Jahren.
Zur Studie
Forscher der Universität Freiburg werteten Brillenverordnungen aus den Jahren 2001 bis 2025 aus. Sie untersuchten, ob der Anteil myoper Brillenverordnungen bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland gestiegen ist und ob die Kurzsichtigkeit heute schneller zunimmt als früher. Zudem untersuchten die Autoren, welchen Einfluss unter anderem das Alter, die städtische oder ländliche Lage des Optikerbetriebs sowie die wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen im Wohngebiet der Betroffenen hatten.
Für die retrospektive Beobachtungsstudie nutzten die Autoren Verkaufsdaten von 490 unabhängigen Augenoptikern in Deutschland. In die Auswertung gingen 1.254.678 Brillenverordnungen von 437.711 Kindern und Jugendlichen ein.
Die Autoren teilten die 25 Studienjahre in fünf Zeiträume von jeweils fünf Jahren ein. Als kurzsichtig galten Personen mit −0,50 Dioptrien oder weniger. Für die Verlaufsanalyse berücksichtigten die Autoren Kinder und Jugendliche mit mindestens zwei Verordnungen im Abstand von mindestens einem Monat.
Anteil myoper Brillenverordnungen ging zurück
Über die 25 Jahre zeigte sich keine Entwicklung hin zu stärkerer Kurzsichtigkeit. Stattdessen verschoben sich die mittleren Werte leicht in Richtung Weitsichtigkeit: von +0,05 Dioptrien in den Jahren 2001 bis 2005 auf +0,53 Dioptrien in den Jahren 2021 bis 2025. Dieser Unterschied blieb bestehen, nachdem die Autoren das Alter statistisch berücksichtigt hatten.
Der Anteil myoper Brillenverordnungen war in den letzten Jahren rückläufig: Nach Berücksichtigung des Alters lag er 2021 bis 2025 um 7,87 Prozentpunkte unter dem Wert von 2001 bis 2005. Bei den 18-Jährigen ging der Anteil beispielsweise von 71,40 auf 67,62 % zurück.
Kurzsichtigkeit nahm nicht schneller zu
Wie schnell die Kurzsichtigkeit fortschritt, unterschied sich zwischen den verschiedenen Fünfjahreszeiträumen kaum. In den späteren Untersuchungsjahren nahm sie also nicht schneller zu als zu Beginn der Studie. Betrachtet man die verschiedenen Altersgruppen, veränderten sich die Dioptrienwerte im Alter von etwa 8-12 Jahren am stärksten.
Ausgangswert der Kurzsichtigkeit zur Risikobestimmung
Die Autoren untersuchten zudem, welche Faktoren mit dem Risiko einer hohen Myopie verbunden waren: Je stärker die Kurzsichtigkeit bei der ersten Verordnung war, desto höher war das Risiko, innerhalb von zehn Jahren −6,00 Dioptrien oder weniger zu erreichen. Auch das Alter spielte eine Rolle, war jedoch deutlich weniger aussagekräftig als der Ausgangswert.
In einer getrennten Analyse prüften die Autoren Zusammenhänge mit der Lage der Optikerbetriebe. Hierbei zeigte sich, dass bei Optikern mit einem städtischen Standort stärker myope Ausgangswerte erfasst wurden als bei Optikern in ländlicher Lage. Wie schnell die Kurzsichtigkeit anschließend fortschritt, unterschied sich jedoch kaum.
Die wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen des Wohngebiets der jungen Brillenträger waren nur bedingt relevant: Kinder aus sozioökonomisch besser gestellten Postleitzahlgebieten waren bei der ersten Verordnung geringfügig stärker kurzsichtig als Kinder aus stärker benachteiligten Regionen. Danach schritt die Myopie in allen Gruppen praktisch gleich schnell fort.
Fazit
Die Analyse liefert keinen Hinweis darauf, dass sich die refraktiven Werte bei Kindern und Jugendlichen mit Brillenverordnung in Deutschland seit 2001 in Richtung stärkerer Myopie verschoben haben oder die Myopie in jüngeren Kohorten schneller fortschreitet. Als mögliche Erklärung diskutieren die Autoren Unterschiede bei Umwelt- und Lebensstilfaktoren, etwa bei schulischer Belastung und der Zeit im Freien. Diese Faktoren wurden in der Studie jedoch nicht untersucht. Ob regionale Lebensgewohnheiten oder Veränderungen in der Verordnungspraxis die stabilen Werte in Deutschland erklären, bleibt daher offen.
- Farassat N, Heinrich SP, Lagrèze WA and Nagel N (2026) Temporal trends in refractive error among children and adolescents in Germany – a large-scale analysis of spectacle sales data from dispensing opticians from 2001 to 2025. Front. Public Health 14:1854832. doi: 10.3389/fpubh.2026.1854832.