Die psychiatrische Versorgung unter Druck
Seit der Corona-Pandemie ist gehäuft von einer psychischen Krise junger Menschen die Rede – selten mit belastbaren Zahlen aus der stationären Versorgung selbst. Das Deutsche Krankenhausinstitut (DKI) hat dazu zwischen Oktober 2025 und Januar 2026 bundesweit 295 psychiatrische und psychosomatische Einrichtungen befragt. Ein eigenes Kapitel widmet sich der Kinder- und Jugendpsychiatrie (KJP) – und liefert damit einen aktuellen Blick darauf, welche Diagnosen die Versorgung derzeit wirklich unter Druck setzen.
Zahlen als Spiegel der Praxisrealität
Erhoben wurde die Einschätzung der Kliniken, nicht die absolute Fallzahl. Wenn eine Einrichtung eine „deutliche Zunahme“ bei Essstörungen angibt, ist das eine fundierte klinische Beobachtung – aber kein amtlicher Diagnoseschlüssel. Für die Praxis ist genau das relevant, denn die Zahlen bilden frühzeitig ab, was erfahrene Behandlerteams gerade beobachten.1
Essstörungen und Mediensucht liegen vorn
Unter allen abgefragten Störungsbildern verzeichnen zwei Diagnosegruppen den stärksten wahrgenommenen Zuwachs seit der Pandemie:
- Essstörungen: 55 % der Kliniken berichten von einer deutlich gestiegenen Häufigkeit – der höchste Wert aller abgefragten Diagnosen.
- Internet- und Medienabhängigkeit: 44 % sehen hier eine deutliche Zunahme. Das Barometer differenziert dabei nicht zwischen Gaming, Social Media oder allgemeiner Internetnutzung. Es fasst also ein breites Spektrum problematischen Medienkonsums zusammen.
Nicht alle Diagnosen steigen gleichermaßen
Auch suizidale Krisen (42 %), Angststörungen (42 %) und Depressionen (39 %) haben laut den Kliniken zugenommen, wenn auch weniger ausgeprägt als Essstörungen und Mediensucht. Stabil zeigen sich dagegen Autismus-Spektrum-Störungen (65 % „weitgehend stabil") und ADHS (68 %). Das deutet darauf hin, dass der Anstieg nicht alle Diagnosen gleichermaßen betrifft, sondern sich auf bestimmte, oft stressassoziierte Störungsbilder konzentriert.1
Komplexere Störungsbilder seit der Pandemie
Fast die Hälfte der Einrichtungen (46 %) bestätigt zudem: Die Nachfrage nach Behandlungen ist seit der Pandemie insgesamt stark gestiegen, und die Störungsbilder sind komplexer geworden – mit längeren Behandlungsverläufen und einem breiteren Diagnosespektrum pro Patient.1
Wartezeiten spitzen die Lage zu
Mehr Bedarf träfe auf ausreichend Kapazität – wäre da nicht die zweite zentrale Botschaft des Barometers: Die Wartezeiten sind erheblich gestiegen. Bei 53 % der Einrichtungen warten Kinder und Jugendliche länger als zehn Wochen auf einen teilstationären Platz, bei 43 % der Betroffenen gilt das auch für die vollstationäre Aufnahme.1
Versorgungslücke bei Erwachsenen
Die Versorgungslücke am Übergang ins Erwachsenenalter macht die ganze Situation nicht leichter: 58 % der Kliniken bewerten die Übergangsphase von der Kinder- zur Erwachsenentherapie als „eher schlecht“ oder „sehr schlecht“. Als Hauptgrund nennen 85 % die unzureichende Anschlussversorgung im ambulanten, niedergelassenen Bereich – also genau dort, wo Hausärzte, Pädiater und niedergelassene Psychiater ansetzen.1
Strukturelle Ursachen der Unterversorgung
Das Barometer benennt die strukturellen Ursachen hinter den langen Wartelisten:
- Fachkräftemangel: 67 % der Einrichtungen können Facharztstellen nicht besetzen – im Schnitt bleiben zwei Vollzeitstellen über 62 Wochen vakant.
- Bettenmangel: 33 % der Kliniken sehen einen Mangel an teilstationären, 28 % an vollstationären Plätzen.
- Dokumentationslast: etwa 75 % nennen den bürokratischen Aufwand, z.B. durch die PPP-Richtlinie, als spürbare Belastung.1
Gefahr der Chronifizierung
Der Blick nach vorn fällt entsprechend nüchtern aus: 32 % der Einrichtungen erwarten eine zunehmende Chronifizierung psychiatrischer Erkrankungen durch Versorgungslücken, 54 % rechnen mit einem weiter wachsenden Fachkräftemangel.
Fazit für die Praxis
- Die Zahlen des Psychiatrie-Barometers bestätigen, was viele in der ambulanten Versorgung bereits vermuteten: Essstörungen und problematischer Medienkonsum gehören aktuell zu den am stärksten wachsenden Herausforderungen der Kinder- und Jugendpsychiatrie.
- Die wachsenden Wartezeiten in der Kinder- und Jugendpsychiatrie liegen bei teils über zehn Wochen.
- Frühe Anzeichen wie lange Bildschirmzeiten mit Funktionseinbußen, restriktives Essverhalten und sozialer Rückzug sollten nicht abgewartet, sondern aktiv angesprochen werden.
- Eine stationäre Anschlussbehandlung bei Mediensucht ist im Zweifel nicht kurzfristig verfügbar.
- Überweisende Ärzte sollten die Wartezeit realistisch einplanen und die Zeit bis zur Aufnahme ambulant aktiv begleiten.
- Beim Übergang junger Patienten ins Erwachsenenalter lohnt sich der bewusste, frühzeitig geplante Blick auf die ambulante Anschlussversorgung – denn genau hier orten die Kliniken selbst die größte Lücke.
- Deutsches Krankenhausinstitut e. V. (DKI), Psychiatrie Barometer, Umfrage 2025/2026, im Auftrag von DKG, VKD und VLK. Düsseldorf, Mai 2026. Befragung von 295 psychiatrischen/psychosomatischen Einrichtungen, davon 35 Prozent mit Angebot in der Kinder- und Jugendpsychiatrie.