Ernährung bei MS: Können manche Ballaststoffe schaden?

Ballaststoffe gelten als gesund, doch bei Multipler Sklerose könnte eine bestimmte Gruppe davon die Symptome sogar verschlimmern. Was eine neue kanadische Studie zeigt, könnte die Ernährungsberatung bei MS verändern.

Das Wichtigste auf einen Blick

  • Kinder und Jugendliche mit MS nahmen weniger β-Fructane zu sich als gesunde Personen; in den Stuhlproben der MS-Kohorte zeigte sich zugleich eine verminderte Fermentationskapazität durch einen Mangel an β-Fructan-abbauenden Bakterien und Enzymen.
  • In einer tierexperimentellen Studie an „keimfreien“ Mäusen (d. h. ohne Darmmikrobiom) mit MS-ähnlicher Autoimmunerkrankung verstärkte eine β-Fructan-reiche Kost die Demyelinisierung des ZNS sowie die klinischen MS-Symptome. Zudem fanden sich Hinweise auf eine verstärkte Immunaktivierung entlang der Darm-Hirn-Achse.

Ballaststoffe in der MS-Forschung

Bei der Multiplen-Sklerose-Forschung rückt seit einigen Jahren der Darm stärker in den Fokus. Das Interesse gilt vor allem den Ballaststoffen: Tierexperimentelle und humanmedizinische Studien gaben bereits Hinweise darauf, dass faserreiche Kost mit einer Verschlechterung von MS-Symptomen assoziiert sein könnte. Dies scheint paradox, da Ballaststoffen positive, immunmodulierende Wirkungen zugeschrieben werden: Die Fasern werden durch das Darmmikrobiom fermentiert; hierbei entstehen kurzkettige Fettsäuren, die antiinflammatorisch wirken und demyelinisierenden Prozessen entgegen wirken können. Gleichzeitig gibt es Hinweise, dass MS-Patienten häufig eine veränderte Darmflora mit eingeschränkter Fermentationskapazität aufweisen und sich weniger dieser vorteilhaften Fettsäuren im Darm bilden können.

Doch nicht alle Ballaststoffe scheinen gleichermaßen problematisch. Eine kanadische Arbeitsgruppe hat nun eine bestimmte Ballaststoffgruppe bei Kindern und Jugendlichen mit MS genauer untersucht: β-Fructane, wie sie in manchen präbiotischen Nahrungsmitteln und in verschiedenen Lebensmitteln (z. B. in Bananen und Knoblauch) vorkommen. Zum einen verglichen die Forscher Ernährungsdaten und Mikrobiom-Analysen von Patienten und gesunden Kontrollen, zum anderen prüften sie in einer tierexperimentellen Studie, was geschieht, wenn β-Fructane im Darm auf eine nur eingeschränkt fermentationsfähige Umgebung treffen.

Ernährung und Fermentationskapazität bei MS-Patienten

In der Humanstudie wurden 48 Kinder und Jugendliche mit MS mit 78 gesunden Kontrollen verglichen. Auf Basis standardisierter Ernährungsfragebögen ließ sich die tägliche Aufnahme von Gesamtballaststoffen und β-Fructanen abschätzen. Ergänzend wurden Stuhlproben mittels DNA-basierten Analysen untersucht, um Zusammensetzung und Funktion der Darmflora zu charakterisieren.

Die Auswertung der Daten zeigte:

  • Die Gesamtmenge an Ballaststoffen war in beiden Gruppen ähnlich. Auffällig war jedoch eine niedrigere Zufuhr von β-Fructanen in der MS-Gruppe (MS-Gruppe: 2,4 g/Tag ± 0,3; Kontrollgruppe: 3,6 g/Tag ±0,4).
  • Parallel dazu fanden die Autoren in den Stuhlproben weniger Bakterien (z.B. Bifidobakterien) und Enzyme, die für Fermentationsprozesse zum Abbau von β-Fructanen notwendig sind. Diese reduzierte Fermentationskapazität weist auf ein Mikrobiom hin, das bestimmte Ballaststoffe nur eingeschränkt verarbeiten kann – mit potenziellen Konsequenzen für die lokale Immunhomöostase.

Warum Jugendliche mit MS weniger β-Fructane zu sich nehmen, lässt sich aus der Querschnittsstudie nicht ableiten. Die Autoren diskutieren jedoch, dass unfermentierte β-Fructane bei eingeschränkter Fermentationskapazität MS-Symptome verstärken könnten – mit der Folge, dass Betroffene entsprechende Lebensmittel eher meiden könnten.

β-Fructane in MS-Tierversuchen

Um zu prüfen, welche negativen Effekte mit unfermentierten β-Fructanen einhergehen, nutzte die Arbeitsgruppe ein tierexperimentelles MS-Modell mit keimfreien Mäusen. Bei diesen Tieren wird durch ein standardisiertes Immunverfahren eine MS-ähnliche Autoimmunerkrankung des zentralen Nervensystems ausgelöst. Keimfreie Mäuse besitzen zudem keine Darmbakterien; bei Fütterung von β-Fructanen bleiben daher unfermentierte Fasern zurück.

Ab Beginn der neurologischen Symptome erhielten die Tiere entweder eine Diät mit β-Fructanen als einziger Faserquelle oder eine Kontrollkost auf Cellulosebasis.

Hieraus ergaben sich folgende Erkenntnisse:

  • Unter der β-Fructan-Diät verschlechterte sich der klinische Verlauf: Die Symptomatik fiel schwerer aus, und histologisch zeigten sich im Rückenmark mehr demyelinisierte Läsionen.
  • In der β-Fructan-Gruppe wurde auch mehr Immunaktivität im zentralen Nervensystem sowie im Darm nachgewiesen – ein Hinweis darauf, dass unfermentierte β-Fructane Entzündungsprozesse entlang der Darm-Hirn-Achse verstärken können.

Einordnung für die Praxis

Die Arbeit zeigt, dass die günstigen Effekte einer ballaststoffreichen Ernährung an ein intaktes, eubiotisches Darmmikrobiom gebunden sind. Bei jungen Patienten mit MS und eingeschränkter Fermentationskapazität des Darms könnten Fasern vom β-Fructan-Typ dagegen eher entzündliche Prozesse anstoßen und MS-Symptome verstärken.

Konkrete Ernährungsempfehlungen lassen sich aus diesen Daten noch nicht ableiten; dafür wären prospektive, kontrollierte Studien direkt an Patienten mit MS notwendig. Die Autoren vermuten aber, dass kleinere Mengen β-Fructan aus normalen Lebensmitteln in der Regel unproblematisch sein dürften. Hochdosierte β-Fructan-Präparate (zum Beispiel präbiotische Produkte, die mit Inulin und Fructooligosacchariden angereichert sind) könnten bei MS-Patienten mit reduzierter Fermentationskapazität hingegen kritisch zu bewerten sein.

Quelle
  1. Tollenaar SL et al. Reduced fibre-fermenting capacity of gut microbes in multiple sclerosis may result in prebiotic dietary fibre β-fructan promoting inflammation and CNS damage. eGastroenterology. 2026 Jan 22;4(1):e100296. doi: 10.1136/egastro-2025-100296. PMID: 41585377; PMCID: PMC12829359.