Depression bei Epilepsie im Kindesalter: erkennen und behandeln

Welche Kinder mit Epilepsie besonders gefährdet sind, worauf es bei der Diagnostik ankommt und wie sich eine Depression bei jungen Patienten behandeln lässt: Ein Vortrag auf dem KKJ-Kongress 2025 gab einen praxisnahen Überblick.

Das Wichtigste auf einen Blick

Besonders betroffen: Kinder mit Temporallappenepilepsie

Kinder und Jugendliche mit Epilepsie sind deutlich häufiger von psychischen Begleiterkrankungen betroffen als gesunde Gleichaltrige. Eine zentrale Rolle spielt dabei die Depression, deren Prävalenz etwa dreimal so hoch ist wie in der Allgemeinbevölkerung.

Das Risiko für depressive Symptome ist nicht bei allen Epilepsieformen gleich verteilt. Besonders häufig betroffen sind Kinder mit Temporallappenepilepsie mit einem Depressionsrisiko von 30-40 %. Auch im Erwachsenenalter zeigt sich hier eine besondere Vulnerabilität: Das Suizidrisiko liegt etwa 25-mal höher als in der Allgemeinbevölkerung. Doch auch bei idiopathischen generalisierten Epilepsien, epileptischen Enzephalopathien oder therapieresistenten Verläufen treten gehäuft depressive Symptome auf.

Psychiatrische Verträglichkeit von Antiepileptika

Nicht nur die Art der Epilepsie, auch die medikamentöse Behandlung kann eine Rolle spielen: Einige Antiepileptika (etwa Levetiracetam, Topiramat oder Perampanel) werden häufig mit depressiven Symptomen in Verbindung gebracht (1–10 % der Anwender sind betroffen). Umgekehrt gibt es Präparate, die sich bei komorbider Depression günstig auswirken:

  • Lamotrigin gilt als stimmungsstabilisierend, besonders bei affektiver Labilität. 
  • Lacosamid hat eine gute psychiatrische Verträglichkeit und wird mit positiven Effekten auf die Stimmung in Verbindung gebracht.

Symptomatik variiert je nach Alter

Depressive Symptome sind im Alltag nicht immer leicht zu erkennen, da sie sich altersabhängig unterschiedlich äußern können: Kleinkinder neigen eher zur Somatisierung, etwa in Form von Bauchschmerzen oder Appetitverlust. Im Grundschulalter treten zudem häufiger Antriebslosigkeit oder schulische Probleme auf. Ab der Adoleszenz zeigen sich zunehmend klassische depressive Symptome wie gedrückte Stimmung oder sozialer Rückzug.

Suizidalität nicht übersehen

Ein besonders sensibles Thema bei Jugendlichen mit Epilepsie ist die Suizidalität. In dieser Altersgruppe besteht ein erhöhtes Risiko für suizidale Gedanken und Handlungen. Neben einer begleitenden Depression tragen weitere Faktoren zu dieser Vulnerabilität bei, von denen einige direkt mit der Grunderkrankung zusammenhängen – etwa eine hohe Anfallslast, therapieresistente Verläufe, ein früher Krankheitsbeginn oder kognitive Einschränkungen. Auch bestimmte antiepileptische Medikamente können, wie bereits erwähnt, das Risiko mit beeinflussen. 

Screening: Wann, bei wem, womit?

Um gefährdete Patienten frühzeitig zu erkennen, ist das Screening auf depressive Symptome ein zentraler Bestandteil der Versorgung. Dies wird zu mehreren Zeitpunkten empfohlen: bei Diagnosestellung, jährlich, nach Umstellung der Antikonvulsiva, bei klinischer Verschlechterung sowie vor der Transition.

Das Vorgehen beim Screening richtet sich nach dem Alter des Kindes: Für Vorschul- und Grundschulkinder stehen derzeit keine gut geeigneten Screening-Instrumente zur Verfügung; darum ist es hier besonders wichtig, im klinischen Gespräch gezielt nach Stimmung, Spielverhalten oder Rückzug zu fragen. Ab dem Jugendalter können standardisierte Fragebögen wie PHQ-9 oder DesTeen eingesetzt werden.

Altersgerechte Diagnostik

Ein auffälliges Screening sollte Anlass für eine weiterführende Diagnostik sein. Diese erfolgt je nach Alter mit klinischen Interviews, Stimmungstagebüchern und ergänzenden diagnostischen Instrumenten (z. B. dem FBB-DES bei 6- bis 12-Jährigen oder der CDRS bei Kindern zwischen 9 und 13 Jahren).

Zur Behandlung

Wird eine Depression diagnostiziert, ist eine Behandlung einzuleiten. Die Therapie erfolgt multimodal, je nach Schweregrad, mit

  • Psychotherapie (Einzel- oder Gruppensetting),
  • psychosozialer Unterstützung und
  • Pharmakotherapie (bei mittel- und schwergradiger Symptomatik). 

SSRI wie Fluoxetin (ab 8 Jahren zugelassen) werden häufig eingesetzt. Auch Sertralin, Citalopram oder Escitalopram kommen, je nach Alter und Indikation, off-label infrage. Bedeutsam sind eine langsame Aufdosierung und engmaschiges Monitoring in den ersten Wochen, um ein mögliches suizidales Risiko frühzeitig zu erkennen. 

Die Sorge, Antidepressiva könnten epileptogene Effekte haben, hat sich laut Dr. Sotnikova jedoch nicht bestätigt: Wenn depressive Symptome wirksam behandelt werden, verbessert sich häufig auch die Anfallskontrolle – nicht zuletzt durch eine bessere Adhärenz.

Dennoch gilt es, bei der Wahl des Antidepressivums Wechselwirkungen mit Antiepileptika zu berücksichtigen und mögliche Effekte auf die Anfallsschwelle im Therapieverlauf im Auge zu behalten.

Fazit

Depressive Symptome bei Kindern mit Epilepsie sind keine Seltenheit. Entscheidend ist, sie frühzeitig zu erkennen und interdisziplinär zu behandeln. Wichtig ist auch der Blick auf das Wechselverhältnis beider Erkrankungen: Eine bessere Anfallskontrolle kann auch zur Besserung der depressiven Symptomatik beitragen und umgekehrt. Eine konsequente, frühzeitige Versorgung verbessert somit langfristig sowohl das Befinden als auch die Gesamtprognose.

Quelle:
  1. Sotnikova A. (Aachen). Vortrag: Depression als Begleiterkrankung bei Epilepsie. Sitzung: Epilepsien – komplexe Patient:innen erfordern komplexes Management. Kongress für Kinder- und Jugendmedizin 2025, Leipzig, 27.09.2025.