Pestizide im Trinkwasser: Ein übersehener Faktor bei Parkinson und Krebs?

Abbauprodukte von Pflanzenschutzmitteln finden sich an über 70 % der deutschen Grundwasser-Messstellen – und aktuelle Reviews verknüpfen chronische Exposition konsistent mit Parkinson, Krebs und endokrinen Störungen. Warum die geltenden Grenzwerte das eigentliche Risiko nicht abbilden.

Gesetzliche Anpassung hinsichtlich der Trinkwasserqualität hinkt wissenschaftlichen Erkenntnissen hinterher

Wasser ist das einzige Lebensmittel, das in Deutschland täglich, zuverlässig und in hoher Qualität aus dem Hahn kommt – so lautet das Versprechen der öffentlichen Wasserversorgung. Tatsächlich gilt deutsches Leitungswasser zu Recht als eines der am strengsten überwachten Lebensmittel überhaupt. Und dennoch zeichnet sich in den vergangenen Jahren ein besorgniserregendes Bild ab: Pestizide und ihre Abbauprodukte finden sich zunehmend im Grundwasser, das rund 70 Prozent des deutschen Trinkwassers speist. Die neue Trinkwasserverordnung vom Juni 2023, mit der Deutschland die EU-Trinkwasserrichtlinie 2020/2184 in nationales Recht überführte, hat regulatorisch nachgezogen – doch Expertinnen und Experten vom Umweltbundesamt bis hin zu internationalen Forschungsgruppen mahnen, dass die gesetzliche Anpassung mit der wissenschaftlichen Erkenntnislage noch nicht Schritt hält.1,2 

Pestizide und ihre Abbauprodukte in fast 20 % aller Grundwasserproben nachgewiesen

Die Ergebnisse deutschlandweiter Untersuchungen des Umweltbundesamts (UBA) zur Pestizidbelastung von Grundwasserproben  (2017 bis 2021) sind ernüchternd: 

Verbindlicher EU-weiter Grenzwert für Abbauprodukte in der Pflanzenschutzmittelverordnung (EG) Nr. 1107/2009 fehlt weiterhin

Das Umweltbundesamt hat wiederholt darauf hingewiesen, dass die bestehenden Regelwerke auf nationaler und europäischer Ebene dringend modernisiert werden müssen. Insbesondere fehlt ein verbindlicher EU-weiter Grenzwert für Abbauprodukte in der Pflanzenschutzmittelverordnung (EG) Nr. 1107/2009. Ein solcher Grenzwert sollte nach Einschätzung des UBA neben toxikologischen Wirkungen auch Persistenz, Mobilität und das Risiko für die Trinkwassergewinnung berücksichtigen.2

Fungizide, Herbizide und ihre Metabolite: ein europaweites Gesundheitsproblem 

Besonders exemplarisch für das Metabolitenproblem ist der Fall des Fungizids Chlorothalonil, das bis 2020 in der europäischen Landwirtschaft weit verbreitet eingesetzt wurde. Sieben verschiedene Chlorothalonil-Metaboliten wurden mittlerweile im Grundwasser in Konzentrationen über 0,1 µg/l nachgewiesen. Der Metabolit R471811 tritt in der Schweiz an rund zehn Prozent der Messstellen mit erhöhten Werten auf – obwohl der Wirkstoff bereits seit über fünf Jahren verboten ist.4,5 Ähnliches gilt für die Herbizide Chloridazon und Metolachlor: Ihre Metaboliten überschritten in den vergangenen fünf Jahren an bis zu 14 Prozent (Chloridazon) und fünf Prozent (Metolachlor) der Messstellen regelmäßig den Richtwert.6 In Frankreich veröffentlichte die nationale Lebensmittelsicherheitsbehörde ANSES im April 2023 eine Untersuchung zu Schadstoffen im Trinkwasser, die bei regulären Kontrollen nicht erfasst werden. Von 157 untersuchten Pestiziden und Metaboliten wurden 89 im Rohwasser und 77 im aufbereiteten Trinkwasser nachgewiesen.7

Trifluoressigsäure (TFA): Das neue Problemkind

Neben klassischen Pestizidmetaboliten rückt zunehmend Trifluoressigsäure (TFA) in den Fokus. TFA ist ein Abbauprodukt mehrerer Pflanzenschutzmittelwirkstoffe sowie fluorierter Verbindungen und gehört zur Gruppe der Per- und Polyfluorierten Alkylverbindungen (PFAS). Das UBA hat TFA als sehr langlebig (persistent) und sehr mobil eingestuft – und damit als Stoff, der sich mit gängigen Methoden der Wasseraufbereitung kaum entfernen lässt.8 Derzeit gibt es in Deutschland keinen gesetzlichen Grenzwert für TFA im Trinkwasser.9 Erst kürzlich wies das Deutsche Ärzteblatt auf die schädliche Wirkung von TFA auf die menschliche Fortpflanzung hin.10

Chronische Pestizidexposition und nichtübertragbare Erkrankungen

Ein 2024 publiziertes systematisches Review von Shekhar et al. fasste die Evidenz zu Gesundheitsrisiken durch Pestizidexposition aus mehr als 1.000 Studien (2000–2024) zusammen. Das zentrale Ergebnis: Die chronische Pestizidexposition ist konsistent mit einem erhöhten Risiko für nichtübertragbare Erkrankungen assoziiert – darunter Krebserkrankungen, neurologische Störungen und endokrine Disruptionen. Die Autoren weisen jedoch darauf hin, dass die toxikologischen Konsequenzen von Niedrigdosis-Mischbelastungen – wie sie für die Bevölkerung durch Trinkwasser typisch sind – noch weitgehend ungeklärt sind.11

Pestizide und Parkinson-Erkrankung

Besondere Aufmerksamkeit gilt dem Zusammenhang zwischen Pestizidexposition und der Parkinson-Erkrankung. Ein 2025 veröffentlichtes Review von Höllerhage fasst die aktuelle Evidenz zusammen: Mehrere epidemiologische Kohorten- und Fall-Kontroll-Studien belegen statistisch signifikante Assoziationen zwischen der beruflichen Pestizidexposition und dem Parkinson-Risiko.12

Endokrine Disruptoren und Reproduktionstoxizität

Verschiedene Pestizidklassen – darunter Organochlorine, Triazine und Dicarboximide – sind als endokrine Disruptoren (Endocrine Disrupting Chemicals, EDC) klassifiziert, die in Signalwege von Androgenen und Östrogenen eingreifen können. So wurde die Langzeitexposition gegenüber Organochlorpestiziden mit einem erhöhten Brustkrebsrisiko assoziiert. Die pränatale Exposition gegenüber Hexachlorbenzol (HCB) wurde mit Adipositas bei Kindern unter sechs Jahren in Verbindung gebracht.11 Für Trifluoressigsäure hat die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) auf Grundlage des Chlorothalonil-Peer-Reviews die Muttersubstanz in die Kanzerogenitätskategorie 1B eingestuft. Hieraus folgt automatisch, dass alle Chlorothalonil-Metaboliten als trinkwasserrelevant gelten – mit entsprechenden Konsequenzen für die Grenzwertsetzung.12

Fazit für die Praxis

Quellen
  1. Bundesministerium für Gesundheit (BMG): Trinkwasserverordnung 2023. Berlin, 2023. URL: https://www.bundesgesundheitsministerium.de/service/begriffe-von-a-z/t/trinkwasser
  2. Umweltbundesamt (UBA): Pestizidzulassungen gefährden unser Grund- und Trinkwasser. Dessau-Roßlau, 2024/2025. URL: https://www.umweltbundesamt.de/themen/pestizidzulassungen-gefaehrden-unser-grund
  3. Umweltbundesamt (UBA): Grundwasser-Monitoring Pestizide 2017–2021. Dessau-Roßlau, 2022. 
  4. Bundesamt für Umwelt (BAFU), Schweiz: Chlorothalonil im Grundwasser. NAQUA-Daten 2024. Bern, Februar 2026. URL: https://www.bafu.admin.ch/de/chlorothalonil-im-grundwasser
  5. Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV), Schweiz: Chlorothalonil. Weisung 2024/1 vom 22.05.2024. Bern, 2024
  6. Bundesamt für Umwelt (BAFU), Schweiz: Pestizide im Grundwasser. NAQUA-Daten 2024. Bern, Februar 2026. URL: https://www.bafu.admin.ch/de/pestizide-im-grundwasser
  7. Agence nationale de sécurité sanitaire de l'alimentation (ANSES): Etude sur les contaminants chimiques dans l'eau du robinet. Paris, April 2023. (Zusammenfassung: berkey-store.com, April 2023).
  8. Umweltbundesamt (UBA): Trifluoracetat (TFA): Persistenter Stoff überall zu finden. Dessau-Roßlau, 2023. URL: https://www.umweltbundesamt.de
  9. Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) / Umweltbundesamt (UBA): Gesundheitlicher Leitwert Trifluoressigsäure (TFA): 60 µg/l. Berlin, 2020.
  10. https://www.aerzteblatt.de/news/eu-behorde-tfa-hat-schadliche-wirkung-bei-fortpflanzung-c4f2c777-9c1f-4854-87ba-e43de16d2bc8
  11. Shekhar C. et al. (2024). A systematic review of pesticide exposure, associated risks, and long-term human health impacts. Toxicology Reports. 2024 Nov 30;13:101840.
  12. Höllerhage M. (2025). Pesticides and Parkinson's disease: causal relationship at the population and individual level? Journal of Neural Transmission. 2025 Nov 12.