Entwarnung mit Fußnote: Melatonin und die kardiovaskuläre Sicherheit

Wer Melatonin nimmt, ist älter, häufiger hypertensiv, öfter depressiv und erscheint in Beobachtungsdaten deshalb kränker. Eine neue NHANES-Auswertung legt nahe: Nicht das Schlafmittel, sondern das Risikoprofil der Anwender könnte den früheren Verdacht erklären.

Das Wichtigste auf einen Blick zu Melatonin und Herzinsuffizienz

  • In der neuen NHANES-Auswertung war eine Melatonin-Einnahme nicht mit einer höheren Rate an Herz-Kreislauf-Erkrankungen verbunden.
  • Auch Herzinsuffizienz trat bei Melatonin-Nutzern nach Berücksichtigung zentraler Risikofaktoren nicht häufiger auf.
  • Die Anwender unterschieden sich aber deutlich von Personen, die kein Melatonin nutzten: Sie waren älter und litten häufiger unter Hypertonie, Diabetes und Depression; Schlafprobleme waren erwartungsgemäß ebenfalls deutlich häufiger.
  • Eine langfristige kardiovaskuläre Sicherheit unter Melatonin lässt sich daraus aber nicht ableiten. Bei chronischer Insomnie sollte das Schlafmittel daher nicht unkritisch dauerhaft eingesetzt werden.

Für die neue Auswertung nutzten die Autoren Daten der National Health and Nutrition Examination Survey, kurz NHANES. Diese US-amerikanische Gesundheitsbefragung erfasst unter anderem Erkrankungen, Risikofaktoren und die Einnahme von Präparaten. In die Analyse gingen Daten von 50.929 Erwachsenen ab 20 Jahren aus den Jahren 1999 bis 2018 ein.2 Hiervon waren 267 Personen Melatonin-Anwender, d. h. sie hatten das Schlafmittel in den vergangenen 30 Tagen eingenommen. 

Anschließend prüften die Autoren, ob diese Personengruppe häufiger Herz-Kreislauf-Erkrankungen angab. Dazu zählten Herzinsuffizienz, koronare Herzerkrankung, Herzinfarkt, Angina pectoris und Schlaganfall. Herzinsuffizienz wurde zusätzlich einzeln ausgewertet.

Melatonin-Anwender hatten ein anderes Risikoprofil

Bei der Datenauswertung zeigte sich, dass die Anwender im Mittel älter waren und häufiger kardiometabolische Risikofaktoren hatten:

  • Hypertonie lag bei 40,6 % der Melatonin-Anwender vor, verglichen mit 30,6 % der Nichtanwender. 
  • Diabetes war ebenfalls etwas häufiger. 
  • Auch Depressionen wurden häufiger berichtet, mit 13,3 % gegenüber 5,5 %. 
  • Schlafprobleme waren erwartungsgemäß deutlich häufiger: 57,9 % der Melatonin-Anwender gaben sie an, aber nur 20,5 % der Personen ohne Melatonin-Einnahme.2

Kein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen

Nach Berücksichtigung zentraler Risikofaktoren wie Alter, Geschlecht, Body-Mass-Index, Rauchen, Hypertonie und Diabetes zeigte sich kein Hinweis darauf, dass Melatonin-Anwender häufiger unter Herz-Kreislauf-Erkrankungen litten (OR 0,90; 95%-KI 0,58–1,40).2

Auch für Herzinsuffizienz bestätigte sich der Verdacht nicht: Sie trat bei Melatonin-Anwendern nach Adjustierung nicht häufiger auf als bei Personen ohne Melatonin-Einnahme (OR 0,88; 95%-KI 0,43–1,80). Eine zusätzliche Analyse, in der auch Depression und Schlafstörungen berücksichtigt wurden, änderte diese Aussage nicht wesentlich.2

Fazit

Die Ergebnisse widersprechen der früheren Analyse nicht direkt, weil beide Arbeiten unterschiedliche Fragen beantworten. Die frühere Untersuchung betrachtete Erwachsene mit Insomnie und längerfristig dokumentierter Melatonin-Einnahme. Die NHANES-Auswertung erfasste dagegen eine aktuelle Einnahme innerhalb des letzten Monats und bestehende Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Damit bleibt offen, ob die in der damaligen Analyse beobachteten Herzinsuffizienzfälle auf Melatonin selbst zurückgehen oder auf das Risikoprofil der Personen, die Melatonin einnahmen. Schlafstörungen, höheres Alter, Begleiterkrankungen und psychische Belastung können nämlich wesentlich dazu beitragen, dass Melatonin-Anwender in Beobachtungsdaten kränker erscheinen als Nichtanwender.

Umgekehrt liefert die NHANES-Auswertung aber auch keine Entwarnung für eine jahrelange Einnahme bei chronischer Insomnie. Dafür fehlen genaue Informationen zu Dosis, Einnahmedauer, Präparat, Regelmäßigkeit der Anwendung und neu auftretenden Herzinsuffizienzfällen im Verlauf.

Für die Praxis bleibt wichtig: Bei chronischer Insomnie sollten behandelbare Ursachen der Schlafstörung geprüft und nichtmedikamentöse Schlafinterventionen bevorzugt werden. Wird Melatonin eingesetzt, sollte es in der niedrigsten wirksamen Dosis und nur so kurz wie nötig verwendet werden.

Quellen:
  1. American Heart Association. Long-term use of melatonin supplements to support sleep may have negative health effects. American Heart Association Newsroom. 2025. [online] https://newsroom.heart.org/news/long-term-use-of-melatonin-supplements-to-support-sleep-may-have-negative-health-effects (zuletzt aufgerufen am 18.06.26).
  2. Khan B, Lima BB. Melatonin and cardiovascular risk: an NHANES reality check after recent heart failure concerns. Open Heart. 2026;13:e004108. https://doi.org/10.1136/op enhrt-2026-004108