- Vogt, Annika, Prof. Dr. med, Neue Entwicklungen in der pädiatrischen Dermatologie, Kongresseröffnung & Plenarsitzung Pädiatrische Dermatologie, FOBI 2026, 8. Juli 2026, München.
Die pädiatrische Dermatologie war lange das Fach, das von der Seitenlinie aus nur beobachten konnte, welche innovativen Behandlungsoptionen bei Erwachsenen ihre Zulassung erhielten. Die auf der pädiatrisch-dermatologischen Plenarsitzung der FOBI 2026 vorgestellten Entwicklungen zeigen, dass damit nun Schluss ist. Die Zulassungsdynamik bei Biologika und JAK-Inhibitoren erfasst zunehmend auch pädiatrische Altersgruppen, oft in sehr kurzer Taktung. Davon profitieren auch Kinder mit seltenen Erkrankungen. Nichtsdestotrotz sollten Kinderdermatologen im klinischen Alltag sehr genau abwägen, welcher Patient von welcher Therapie wirklich profitieren kann.1
Die Gegenwart und vor allem Zukunft der Kinderdermatologie ist von verschiedenen Faktoren geprägt. Die Orientierung an den Leitlinien soll im klinischen Alltag die rechtzeitige Befunderkennung und korrekte Einordnung der Symptomatik ermöglichen. Bei genetischen Erkrankungen in der Dermatologie ist die Gentherapie vielversprechend: Für Genodermatosen wie die Epidermolysis bullosa dystrophica steht erstmals eine zugelassene Gentherapie zur Verfügung. Die topische Gentherapie mit Beremagene geperpavec (B-VEC) ist seit April 2025 in der EU ab Geburt zur Wundbehandlung zugelassen. Auch auf der Seite der medikamentösen Behandlung bestimmter dermatologischer Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen geben schnellere und frühere Zulassungen Hoffnung – der Zugang zu den Therapeutika sowie eine zeitnahe Indikationsstellung sind hier essentiell, um eine gute Langzeitperspektive in Aussicht stellen zu können. Auch auf digitale Hilfsmittel und Teledermatologie ging Vogt in ihrem Vortrag ein.1
Wie schnell sich Handlungsspielräume verschieben können, zeigte Vogt an einem eindrucksvollen Fallbeispiel: Bei einem Säugling mit prall gespannten, akral betonten Blasen wurde bioptisch die Diagnose eines infantilen bullösen Pemphigoids bestätigt. Nach initial gutem Ansprechen auf Dapson, Immunglobuline und Prednisolon-Pulstherapie verschlechterte sich der Verlauf durch internistische Komplikationen jedoch erheblich. Rituximab sowie eine Off-Label-Kombination aus Dupilumab und Omalizumab halfen dabei, den Säugling zu stabilisieren. Die beiden letzteren Therapeutika wurden im Vier-Wochen-Abstand beibehalten – zusätzlich zur Dapson-Therapie. Der zweite Fall war ein Kind mit Pityriasis rubra pilaris. Hier zeigte sich mit Secukinumab im Off-Label-Use ein sehr gutes Therapieansprechen. Beide Kasuistiken machen Folgendes deutlich: Bei seltenen pädiatrischen Verläufen stützt sich die Therapieentscheidung zunehmend auf Fallserien und Off-Label-Erfahrung - nicht auf große Studien.1
Klassische Blickdiagnosen können sich mit dem Alter verschieben: So zeigt die atopische Dermatitis bei jungen Kindern häufiger ein Verteilungsmuster an den Außenseiten bevor daraus das typische Beugeekzem wird. Die Psoriasis hingegen tritt bei Kindern öfter invers auf, also in den Körperfalten. Verschiebungen sind nicht selten, betonte Vogt: In klinischen Mischbildern ist eine ekzematisierte Psoriasis klinisch kaum von einem nummulären Ekzem zu unterscheiden. Vor der mit einem bestimmten Alter kommenden Demaskierung der Erkrankung kann es schwer sein, die geeignete Therapiewahl zu treffen, so Vogt.1
Vogt plädierte dafür, Erkrankungen künftig verstärkt über Zytokinprofile statt allein über das äußere Bild zu differenzieren. Dies könnte auch zu einer gezielteren Wirkstoffwahl führen. Digitale Beratungssysteme könnten im klinischen Alltag hierbei unterstützen – vor allem auch aufgrund der rasant zunehmenden Anzahl neuer Zulassungen. Vogt betonte dennoch, dass die Einsparung von Biopsien durch korrekt angewendete dermatologische „Basis-Tricks“ nach wie vor Bedeutung besitzt: Digitale Tools sind dem dermatologischen Basishandwerk zum jetzigen Zeitpunkt noch unterlegen.1
Leitlinien bilden Kinder und Jugendliche zunehmend explizit ab. Vogt nannte die neue S3-Leitlinie Alopecia areata, die aktualisierte S3-Leitlinie Lichen sclerosus sowie eine ergänzende Psoriasis-Leitlinie für Kinder und Jugendliche mit eigenen Empfehlungen. Auch JAK-Inhibitoren lassen sich bei entsprechenden Komorbiditäten inzwischen über Kreuzzulassungen nutzen für den Fall, dass eine direkte Verordnung schwierig ist. Gleichzeitig erinnerte Vogt daran, dass trotz aller Innovation weiterhin vor allem alltägliche Dermatosen wie die Tinea capitis die Ambulanzen dominieren. Die Unterversorgung bei Tinea capitis beruht nicht selten auf Unsicherheit – denn Therapieoptionen sind vorhanden: Die S1-Leitlinie zur Tinea capitis wurde 2025 aktualisiert und hilft hier weiter.1
Die Kinderdermatologie bewegt sich rasant: Biologika und JAK-Inhibitoren erreichen zunehmend jüngere Patienten. Bei seltenen pädiatrischen Verläufen stützt sich die Therapieentscheidung zunehmend auf Fallserien und Off-Label-Erfahrung statt auf große Studien. Meilenstein bei Genodermatosen: Die topische Gentherapie mit Beremagene geperpavec (B-vec) bei Epidermolysis bullosa dystrophica ist seit 2025 in der EU zugelassen.
Für die Praxis heißt das: Zulassungsstatus und Off-Label-Optionen im Blick behalten. Bei untypischen oder gemischten Ekzembildern auch an eine biologische statt rein visuelle Differenzierung denken. Immer im Hinterkopf haben, dass ein Großteil der pädiatrischen Fälle nach wie vor klassische, gut behandelbare Dermatosen sind.