CLL: Neue EHA-Leitlinien machen Inhibitoren zum Therapiestandard

Die neuen EHA-Leitlinien zur CLL vollziehen einen Paradigmenwechsel: Gezielte Inhibitoren lösen die Chemoimmuntherapie als Standard ab.

Chronische lymphatische Leukämie: Neue EHA-Leitlinien präzisieren Diagnostik und Behandlung 

Chronisch lymphatische Leukämie (CLL) ist eine klinisch und biologisch heterogene Erkrankung. Die Inzidenz in Europa beträgt laut der WHO 4,7 pro 100.000 Personen. Das mediane Alter bei der Diagnosestellung beträgt 70 Jahre, wobei Männer nahezu doppelt so häufig betroffen sind wie Frauen. Charakteristisch für CLL ist eine Lymphozytose. Im Verlauf der Erkrankung können Lymphadenopathie, Spleno- und Hepatomegalie, Zeichen einer Knochenmarkinsuffizienz sowie Autoimmunzytopenien auftreten.

Laut Eichhorst, Leiterin der CLL-Sprechstunde an der Universität Köln und der Deutschen CLL-Studiengruppe (GCLLSG), wurden die aktuellen klinischen Leitlinien für Diagnose, Behandlung und Nachsorge von Patienten mit CLL und Richter-Transformation (RT) erstmals ausschließlich unter der Schirmherrschaft der European Hematology Association (EHA) erstellt. Sie orientieren sich an den Prinzipien und Zielen früherer, von der European Society for Medical Oncology (ESMO) koordinierter Versionen. Die Guidelines wurden Anfang Juni in HemaSphere veröffentlicht.2

Die Aktualisierungen betreffen u. a. die erweiterte Diagnostik. Die Diagnose einer CLL erfolgt durch Immunphänotypisierung mittels Durchflusszytometrie, um das Vorhandensein von ≥ 5 × 10⁹/l klonalen B-Lymphozyten nachzuweisen, die positiv für CD19, CD5 und CD23 sind. CLL-Zellen exprimieren typischerweise geringe Mengen an CD20, CD79B und Oberflächen-Immunglobulin. Bei der Durchflusszytometrie wird entweder eine Beschränkung auf die κ- oder λ-Immunglobulin-Leichtkette oder deren (scheinbare) Abwesenheit festgestellt.

Einsatz von Inhibitoren anstelle von Chemoimmuntherapien

Eine antineoplastische Behandlung wird erst bei Auftreten von Symptomen der CLL eingeleitet. Die Auswahl der Arzneimittel richtet sich nach dem Allgemeinzustand der Patienten, den relevanten Komorbiditäten sowie den genetischen Veränderungen der CLL-Zellen. Die Therapie hat sich grundlegend gewandelt: Anstelle des bisherigen Standards der Chemoimmuntherapien werden heute gezielte Inhibitoren als Standard eingesetzt, die in die B-Zell-Rezeptor-Signalübertragung oder in die Regulation des programmierten Zelltodes eingreifen.

Zu den aktualisierten Behandlungsoptionen zählen die kürzlich von der EMA zugelassene, zeitlich begrenzte Kombinationstherapie mit Acalabrutinib sowie die zeitlich begrenzte Kombinationstherapie mit Acalabrutinib und Venetoclax ± Obinutuzumab als Erstlinientherapie. Zudem wird eine kontinuierliche Behandlung mit Pirtobrutinib für Patienten empfohlen, die im rezidivierten oder refraktären Stadium bereits kovalente Bruton-Tyrosinkinase-Inhibitoren erhalten haben. Die Leitlinie betont, dass kovalente BTK-Inhibitoren der zweiten Generation wie Acalabrutinib und Zanubrutinib selektiver als Ibrutinib wirken und eine geringere Off-Target-Hemmung sowie weniger Nebenwirkungen aufweisen, insbesondere weniger kardiale Toxizitäten.

​Daher wird empfohlen: „Acalabrutinib und Zanubrutinib sollten gegenüber Ibrutinib bei der kontinuierlichen Behandlung aller neuen Patienten aufgrund ihres günstigen Nebenwirkungsprofils bevorzugt werden.“

Die Auswahl der Rezidivtherapie hängt von mehreren individuellen Faktoren ab. Neben Alter und Komorbidität des Patienten sind insbesondere klinische Parameter wie die Art der Primärtherapie, die damit erreichte Remissionsdauer sowie gegenüber der Erstdiagnose veränderte biologische Eigenschaften der CLL relevant. Aufgrund der nachgewiesenen Überlegenheit hinsichtlich des Gesamtüberlebens (OS) der neuen Substanzen (insbesondere BTK- und BCL2-Inhibitoren) gegenüber verschiedenen Chemoimmuntherapien sollten letztere nur noch in sehr ausgewählten und im Tumorboard diskutierten Ausnahmefällen im Rezidiv eingesetzt werden.

Richter-Transformation explizit im Titel der Leitlinie hervorgehoben

Entsprechend dem ganzheitlicheren Ansatz bei der Behandlung der CLL wird die sogenannte Richter-Transformation (RT) ausdrücklich im Titel der Leitlinien erwähnt. Die RT bezeichnet ein aggressives Lymphom, das bei 2% bis 10% der CLL-Patienten auftritt. Meist geht die CLL dabei in ein DLBCL über. Bei Patienten mit Transformation der CLL in eine Richter-Transformation kann eine Chemoimmuntherapie auf Basis von R-CHOP durchgeführt werden. Allerdings sind die Ergebnisse sehr schlecht mit Überlebenszeiten von unter einem Jahr. Bei biologisch jungen Patienten wird daher, wenn möglich, eine konsolidierende allogene Stammzelltransplantation empfohlen.

Bei fehlender Eignung für eine allogene Transplantation kann stattdessen eine autologe Stammzelltransplantation erwogen werden. Bei Kontraindikationen für eine allogene oder autologe Stammzelltransplantation kann als Salvage-Option außerdem eine Immuntherapie mit Checkpoint-Inhibitoren (off-label) erwogen werden. Wann immer möglich, sollten Patienten im Rahmen klinischer Studien behandelt werden.

Angesichts des rasanten Fortschritts in diesem Bereich, der durch die kontinuierliche Einführung neuer diagnostischer und prognostischer Verfahren sowie die Zulassung innovativer Medikamente geprägt ist, sind nun jährliche Aktualisierungen der Leitlinien vorgesehen.

Quellen:
  1. EHA 2026 Congress. Stay at the forefront of hematology. June 11-14, Stockholm, Sweden. Session: Chronic lymphocytic leukemia (CLL) 11. Juni 2026
  2. https://onlinelibrary.wiley.com/doi/full/10.1002/hem3.70233