BrECADD versus Nivo beim Hodgkin Lymphom

Brauchen Patienten mit fortgeschrittenem Hodgkin-Lymphom noch eine intensive Chemotherapie – oder reicht die PD-1-Hemmung? Ein Pro und Kontra vom EHA-Kongress.

Neuer Standard beim fortgeschrittenen Hodgkin-Lymphom

Beim fortgeschrittenen Hodgkin-Lymphom (HL) ist BrECADD (Brentuximab Vedotin, Etoposid, Cyclophosphamid, Doxorubicin, Dacarbazin, Dexamethason) inzwischen die Kombinationstherapie der Wahl und hat das bisherige Standardprotokoll BEACOPP (Bleomycin, Etoposid, Doxorubicin, Cyclophosphamid, Vincristin, Procarbazin, Prednison) ersetzt. Das BrECADD-Schema wurde von der Deutschen Hodgkin Studiengruppe (GHSG) im Rahmen der Phase-III-Studie HD21 entwickelt, um bei mindestens gleichwertiger Wirksamkeit die Toxizität im Vergleich zum etablierten eBEACOPP-Regime zu reduzieren.2

Von Tresckow, Abteilung für Hämatologie und Stammzelltransplantation des Universitätsklinikums Essen, verwies auf die SWOG-Studie, in der die Effektivität von Nivolumab bei neu diagnostizierten Patienten mit HL nachgewiesen wurde.3 Das Gesamtüberleben (OS) über drei Jahre lag für alle Patienten bei 98%. Fazit: „Hohe Heilungsraten bei einer einfach durchzuführenden ambulanten Behandlung mit guter Verträglichkeit.“

In der Phase-III-SWOG-S1826-Studie wurden randomisiert sechs Zyklen Nivo-AVD (Nivolumab + Doxorubicin + Vinblastin + Dacarbazin) mit sechs Zyklen BV-AVD (Brentuximab Vedotin + Doxorubicin + Vinblastin + Dacarbazin)  bei Patienten (Alter ≥12 Jahre) mit fortgeschrittenem (hier: Ann-Arbor-Stadium III und IV) klassischen HL verglichen. Das 3-Jahres-PFS-Update bestätigt die Verbesserung der Krankheitskontrolle von Nivo-AVD gegenüber BV-AVD über alle relevanten Subgruppen hinweg und stellt insbesondere für anthrazyklingeeignete Patienten, die älter als 60 Jahre sind, einen neuen Therapiestandard dar.

Weitere Argumente für N-AVD

N-AVD gegenüber BrECADD den Vorzug zu geben wurde wie folgt begründet:

  • Nach N-AVD ist deutlich seltener eine Radiotherapie indiziert: 0,6% vs. 14% unter BrECADD. 
  • Unter N-AVD treten weniger Sekundärmalignome auf: 1,2% vs. 3% unter BrECADD. 
  • Fertilität: Eine aggressive Polychemotherapie wie BrECADD wirft Bedenken hinsichtlich der Fruchtbarkeit auf. Bei N-AVD müsse man sich um eine mögliche Infertilität weniger Gedanken machen, so von Tresckow. 
  • Stichwort Ressourcen: BrECADD sei ressourcenintensiv und erfordere mehr Logistik, Monitoring und Unterstützung; N-AVD sei hingegen einfacher zu verabreichen.
  • N-AVD wurde in einer Population mit höherem Risiko (Stadium IV) getestet: In der SWOG-Studie waren 62% HL-Patienten im Stadium IV eingeschlossen, in HD21 45%.4

Von Tresckow wies zudem darauf hin, dass die PET-gesteuerte Eskalation ungenau sei. Außerdem treten Knochenschmerzen unter N-AVD-Therapie seltener auf als unter BrECADD. Auch die Kosten sprächen für N-AVD und führten mit 10.000 Euro zu geringeren Gesamtbehandlungskosten. Insgesamt, so von Tresckow, sei N-AVD die praktikablere Strategie – effektiv, einfacher und weniger belastend. „Ja, durch die PD-1-Hemmung ist eine intensivere Chemotherapie nicht mehr erforderlich“, bilanzierte er.

5-Jahres-PFS und Gesamtüberleben sind Patienten am wichtigsten

Prof. Collins, Hämatologe an der Universität Oxford, stellte den Patientenwunsch in den Mittelpunkt. Eine Arbeit aus dem Jahr 2019 zeige, dass das 5-Jahres-PFS und das OS für die Patienten die wichtigsten Behandlungsmerkmale seien.5 In einer weiteren Arbeit nennen 74% der Patienten (Durchschnittsalter 36 Jahre zum Zeitpunkt der Diagnose) eine Heilung als erstes oder zweites Ziel (86% der jüngeren gegenüber 52 % der älteren Patienten; p < 0,001).6

Zum Zeitpunkt der Diagnose bevorzugten 72 % der Patienten eine aggressive Behandlung, 85 % waren bereit, mehr kurzfristige Risiken in Kauf zu nehmen, um im Gegenzug eine langfristig wirksamere Therapie zu erhalten. Was die Risiken betrifft, so waren jüngere Patienten im Vergleich zu älteren Patienten deutlich besorgter über Zweitkrebserkrankungen (p < 0,001) und Fruchtbarkeitsprobleme (p = 0,007), während ältere Patienten sich mehr Sorgen um Lungenschäden (p = 0,028) und Infektionen (p < 0,001) machten.

Collins hob das „beispiellos“ lange progressionsfreies Überleben (PFS) unter BrECADD hervor. In der HD21-Studie lag das Fünf-Jahres-Gesamtüberleben bei 4- bis 6-facher BrECADD-Dosis bei 98% (HR 0,64). Dem stehen – in der SWOG-Studie (unter N-AVD) – ein Zwei-Jahres-Gesamtüberleben von 92% und ein Drei-Jahres-Gesamtüberleben von 91% gegenüber.

Collins erinnerte daran, dass BrECADD mit einer raschen Wiederherstellung der Lebensqualität einhergehe.7 Zudem habe eine frühzeitige Behandlung mit BrECADD das Potenzial, die Behandlungsdauer um 1,5 bis 3 Monate zu verkürzen, ohne die Behandlungsergebnisse zu beeinträchtigen.

Quellen
  1. EHA 2026 Congress. Stay at the forefront of hematology. June 11-14, Stockholm, Sweden. Session: First line treatment in Hodgkin lymphoma. 11. Juni 2026. https://pag.virtual-meeting.org/EHA/eha2026/en-GB/pag/session/97441
  2. https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0140673624013151?via%3Dihub
  3. https://www.nejm.org/doi/10.1056/NEJMoa2405888
  4. https://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(24)01315-1/fulltext
  5. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/30239982/
  6. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/38323849/
  7. https://s3.eu-central-1.amazonaws.com/m-anage.com.storage.eha/temp/eha24_abstract_bodies/P1100.pdf