Neue Informationskanäle, neue Herausforderungen
Digitale Prävention beginnt, bevor Menschen zu Patienten werden – nämlich dann, wenn sie Informationen über soziale Medien, das Internet und Apps konsumieren. Prof. Dr. Raphael Twerenbold vom UKE Hamburg hob hervor, wie viele Menschen sich bereits über diese Kanäle informieren: Ein großer Teil der Bevölkerung recherchiert Symptome online, nutzt Chatbots und greift über Smartphones und Wearables auf Gesundheits-Apps zurück, ohne über die Kompetenz zur Einordnung zu verfügen. Seine Schlussfolgerung: Medizinisches Fachpersonal müsse aktiv dazu beitragen, diese Lücke zu schließen und die Menschen enger zu begleiten. Denn der technische Fortschritt sei zwar enorm, viele der neuen Möglichkeiten böten aber eine trügerische Sicherheit.
Als Beispiel wählte Prof. Twerenbold das Thema Vorhofflimmern: Smartwatches nutzen meist Photoplethysmographie (PPG) und lösen bei Auffälligkeiten ein Einkanal-EKG aus. Anhand großer Studien (Apple Heart Study1, Fitbit Heart Study2) legte er dar, dass die absoluten Bestätigungsraten nach einem Alarm begrenzt sind und ein relevanter blinder Fleck bleibt: Wie viele Fälle werden übersehen? Die meisten Consumer-Screening-Apps seien eher auf eine hohe Spezifität optimiert, um Fehlalarme und den damit verbundenen Frust der Verbrauchenden zu reduzieren. Das widerspricht dem medizinischen Screening-Prinzip, die Sensitivität hochzuhalten. Außerdem genüge für die Diagnose Vorhofflimmern natürlich nicht ein Alarm, sondern es sei ein dokumentiertes EKG erforderlich (z. B. 12-Kanal-EKG ≥ 10 Sekunden oder Einkanal-EKG ≥ 30 Sekunden).
Zum Abschluss lieferte Prof. Twerenbold einen Vorschlag für ein „Implementierungs-Realitätscheck“-Framework, zu dem auch Aspekte wie Cybersicherheit und Datenschutz, prospektive Evidenz und nicht zuletzt eine Zertifizierung als Medizinprodukt gehören müssten.
Wenig Auswahl bei DiGAs
Dr. Konstanze Betz vom Universitätsklinikum Heidelberg vertiefte das Thema digitale Therapeutika mit Schwerpunkt auf DiGAs. Ihre zentrale Aussage war keine Überraschung: Trotz stark wachsender Nutzung (bis Ende 2025 wurden insgesamt 1,6 Millionen Freischaltcodes genutzt) ist die Kardiologie im DiGA-Verzeichnis weiterhin unterrepräsentiert. Aktuell sind im Bereich Herz-Kreislauf nur zwei Anwendungen genannt: die dauerhaft gelistete App ProHerz und die vorläufig gelistete DiGA Oviva Direkt Bluthochdruck.
ProHerz dient dabei als Selbstmanagement-Tool für Herzinsuffizienz; mit Dokumentation von Vitalparametern wie Blutdruck, Sauerstoffsättigung und Gewicht, einer Frühwarnlogik sowie Erinnerungsfunktionen zur Unterstützung einer leitliniengerechten Therapie. Oviva Direkt Bluthochdruck setzt auf eine verhaltensbasierte Blutdrucktherapie: Selbstmonitoring, die Dokumentation von Ernährung und Aktivität sowie personalisiertes Feedback, teils KI-gestützt, etwa durch die Fotoerfassung von Mahlzeiten. Dr. Betz betonte, dass „vorläufig gelistet“ nicht mit fehlender Evidenz gleichzusetzen sei.
Neu ist: Seit dem 1. Juli müssen Hersteller Nutzungsdaten erfassen und diese ab April 2027 erstmals an das BfArM melden.
Chancen durch Remote-Herzinsuffizienz-Management
Telemedizin ist im Herzinsuffizienz-Management ein Versorgungskonzept mit messbarem klinischem Nutzen – das zeigte Prof. Dr. Friedrich Köhler von der Berliner Charité. Er stellte die Evidenz aus TIM-HF23 vor: Die telemedizinische Mitbetreuung reduzierte den Anteil der Tage, die Patienten durch ungeplante kardiovaskuläre Krankenhausaufenthalte oder Tod ‚verloren‘ (days lost), und senkte zudem die Gesamtsterblichkeit – und zwar unabhängig davon, ob Patienten in der Stadt oder auf dem Land lebten. Prof. Köhler benannte aber auch eine Limitation: Die Studienärzte waren Kardiologen, sodass die Rolle der hausärztlichen Betreuung als dritter Versorgungsarm nicht untersucht wurde.
Für die Umsetzung nannte Prof. Köhler die nötigen Rahmenbedingungen und die zu erwartenden Engpässe: Aufbau und Betrieb sind mit Schulungen, Geräten, Prozessänderungen und Ressourcen verbunden. Eine geplante Registerstudie soll die Wirksamkeit in der vertragsärztlichen Realität abbilden – auch vor dem Hintergrund neuer Vergütungsstrukturen.
KI-Chatbots für Lebensstilmodifikation?
Dr. Antonius Büscher aus Münster versuchte, die Frage zu beantworten, ob Chatbots ein skalierbares Instrument für die Lebensstilmodifikation sein können. „In den Leitlinien gibt es erste vorsichtige Empfehlungen, KI unterstützend einzusetzen“, sagte er und betonte das Potenzial. Unterm Strich sei die Studienlage aber dünn, und die Evidenz dafür, dass Chatbots tatsächlich zu Lebensstiländerungen motivieren können, noch nicht erbracht. Unstrittig ist aus seiner Sicht lediglich, dass viele Modelle Gesundheitsfragen bereits gut beantworten können. Das bedeutet jedoch nicht, dass Patienten die Empfehlungen auch umsetzen.
DGK Herztage 2026. 24.-26. September 2026, Hamburg. https://herzmedizin.de/fuer-aerzte-und-fachpersonal/dgk/kongresse/dgk-herztage-2026. Digitalisierungsstrategie im Alltag – aktuelle Evidenzlage. 2026, 24. September 2026. https://herzmedizin.de/fuer-aerzte-und-fachpersonal/dgk/kongresse/dgk-herztage-2026/programm/25652_digitalisierungsstrategie_im_alltag___aktuelle_evidenzlage
- Apple Heart Study: https://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMoa1901183
- Fitbit Heart Study: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/33865810/
- TIM-HF2: https://www.dhzc.charite.de/forschung/eintrag/telemedical-interventional-management-in-heart-failure-ii-tim-hf2-152/