Wenn Symptome lügen: Wie Hausärzte Depression und Angst hinter Rücken- und Kopfschmerzen sicher erkennen

Mehrere unerklärbare Körpersymptome können auf Depression hinweisen. Prof. Michael Landgrebe zeigt, wie Sie Warnsignale erkennen, evidenzbasiert behandeln – und wann hausärztliche Grenzen erreicht sind.

Das diagnostische Dilemma: Wenn Körpersymptome maskieren

Patientinnen und Patienten mit Depressionen oder Angststörungen kommen selten mit psychischen Beschwerden in die Praxis. Sie präsentieren Kopf- und Rückenschmerzen, Völlegefühle, diffuse Befindlichkeitsstörungen. Prof. Landgrebe formuliert eine klare Faustregel: Häufen sich unerklärbare körperliche Symptome, müssen die Alarmglocken läuten. Bereits bei drei bis vier solcher Symptome ist die Wahrscheinlichkeit einer Depression hoch. Entscheidend ist gezieltes Nachfragen nach Stimmung, Freude und Interesse – sowie der hausärztliche Vorteil der Langzeitbeobachtung.

Was wirklich evidenzbasiert wirkt

Die stärkste Evidenz haben weiterhin Antidepressiva (inkl. zugelassener pflanzlicher Präparate) und kognitive Verhaltenstherapie. Im hausärztlichen Alltag wird die KVT durch lange Wartezeiten bei Psychotherapeuten oft unrealistisch. Eine pragmatische Lösung: Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA) – evidenzbasiert, verschreibungsfähig und besonders bei Depression und Schlafstörungen sinnvoll. Wichtig laut Landgrebe: Das DiGA-Rezept allein reicht nicht. Adhärenz erfordert ärztliche Begleitung und Wiedereinbestellung.

Was Hausärztinnen und Hausärzte selbst leisten können – und sollten

Die hausärztliche Schlüsselrolle: Patienten überhaupt ins System bringen, korrekt diagnostizieren und eine spezifische Pharmakotherapie initiieren (z. B. SSRI bei Depression). Ein zentraler Appell: kausal behandeln, nicht symptomatisch. Das Beispiel Benzodiazepine bei Angstpatienten zeigt, wie schnell aus Symptomlinderung Abhängigkeit entsteht.

Therapiepfade nach S3-Leitlinie: Wer braucht was?

Die Grenzen der sprechenden Medizin

Klare Ansage: Ein unstrukturiertes Gespräch ersetzt keine KVT. Die psychosomatische Grundversorgung ist hilfreich, qualifiziert aber nicht zur strukturierten Psychotherapie. Hier wird die Wirksamkeit im Alltag häufig überschätzt.

Wann überweisen? Klare Warnsignale

Spätestens wenn Patientinnen sich trotz Therapie verschlechtern, mehrere Medikamente kombiniert oder umgestellt werden müssen, ist die Grenze der Hausarztpraxis erreicht. Dann gehören die Patienten zum Facharzt oder in spezialisierte Zentren – auch wenn die Versorgungsrealität dies vielerorts erschwert.

Ihre Erfahrung zählt: Diskutieren Sie mit!

Wie erleben Sie das in Ihrer Praxis: Gelingt es Ihnen im Versorgungsalltag tatsächlich, hinter unspezifischen Körperbeschwerden frühzeitig eine Depression oder Angststörung zu erkennen – oder fehlen dafür schlicht Zeit, Strukturen und Anschlussversorgung? Welche Strategien haben sich bei Ihnen bewährt, wo stoßen Sie an Grenzen? Und wie sind Ihre Erfahrungen mit DiGA als Brücke zur Psychotherapie – echter Mehrwert oder Rezept ins Leere?

Teilen Sie Ihre Einschätzung in den Kommentaren und tauschen Sie sich mit Kolleginnen und Kollegen aus.