Offizielle Definitionen bleiben für Erstattung und Algorithmen relevant – die Wissenschaft ist längst weiter. Prof. Stumvoll beschreibt eine hochdynamische Entwicklung: Subtypen werden nach Geschlecht, Alter, Fettverteilung und Komorbiditäten differenziert. An der Forschungsspitze entstehen hochdimensionale Datensätze, die das Bild der „langweiligen Adipositas“ grundlegend verändern.
Der klassische Fettverteilungstyp – viszerale „Apfel“-Adipositas bei Männern, gluteofemorale „Birnen“-Verteilung bei Frauen – ist nur der Anfang. Hormonelle Steuerung durch Östrogen und Testosteron, Lipodystrophie-Subtypen, Risikoverhalten und Therapieadhärenz unterscheiden sich systematisch. Besonders relevant: die Menopause als eigenständiger Risikofaktor. Eine frühe Menopause addiert „östrogenarme Pack Years“ und verschiebt die kardiometabolische Trajektorie spürbar.
Der BMI bleibt pragmatisch, aber zu grob. Praxistaugliche Ergänzungen:
Viszerales Fett um Darm, Niere oder Herzbeutel bleibt MRT-gebunden – noch. Das Hindernis ist meist nicht die Technik, sondern die Erstattung.
GLP-1-Analoga, duale und triple Agonisten verändern das Therapiefeld radikal. Prof. Stumvoll würdigt die wissenschaftliche Leistung, mahnt aber zur strategischen Reflexion: Rebound nach Absetzen, Kosten, chronische Anwendung, Akzeptanz. Weitere peptidbasierte Therapien stehen in der Pipeline. Die Kunst werde sein, individualisierte Therapien zu gestalten – und sie gegenüber Kostenträgern zu rechtfertigen.
Deutschlands kuratives System lässt entscheidende Chancen liegen. Zwischen drittem und sechstem Lebensjahr existiert ein „weiches Fenster“, in dem Trajektorien noch beeinflussbar sind. Adipöse Familien systematisch zu erreichen, könnte 20 Jahre später Herzinfarkte, Fettleber, Diabetes und Schlafapnoe verhindern – ist im System aber nicht abgebildet.
Die Onkologie ist 25 Jahre voraus. Doch mit feinerer Depot-Diagnostik, Biomarker-Profilen und neuen Wirkstoffklassen rückt die individualisierte Adipositastherapie näher. Internisten sollten sich jetzt auf eine differenziertere Versorgungslogik einstellen – diagnostisch, therapeutisch und systemisch.