Intramuskuläres Fett spielt in der klinischen Routine bislang kaum eine Rolle – aus Sicht von Prof. Susanna Hofmann könnte sich das jedoch ändern. Denn die Evidenz verdichtet sich, dass intramuskuläres Fett eng mit Insulinresistenz assoziiert ist. Große klinische Studien mit CT- und MRT-Daten zeigen mittlerweile konsistent: Je höher die Fettansammlung im Muskel, desto ausgeprägter die metabolische Dysfunktion.
Für die Praxis bedeutet das: Klassische Parameter allein reichen möglicherweise nicht mehr aus, um metabolische Risiken frühzeitig zu erkennen.
Ein zentrales Problem sieht Hofmann in der starken Fokussierung auf den BMI. Dieser bilde weder Körperzusammensetzung noch Fettverteilung ausreichend ab. Gerade geschlechtsspezifische Unterschiede seien klinisch relevant: Frauen speichern Fett häufiger subkutan an Hüfte und Oberschenkeln, Männer eher viszeral im Bauchraum.
Entscheidend ist dabei nicht nur die Fettmenge, sondern die biologische Aktivität des Fettgewebes. Viszerales Fett gilt als deutlich entzündlicher – mit entsprechenden Auswirkungen auf Stoffwechsel und Gefäßfunktion.
Die Folge: Zwei Menschen mit identischem BMI können ein völlig unterschiedliches metabolisches Risiko tragen.
Besonders aufmerksam sollten Diabetologinnen und Hausärzte laut Hofmann bei Patientinnen sein, deren Standardwerte noch unauffällig erscheinen. Frauen entwickeln offenbar häufiger zunächst eine gestörte Glukosetoleranz, bevor erhöhte Nüchternglukosewerte sichtbar werden.
Genau hier sieht Hofmann ein praktisches Problem: Der orale Glukosetoleranztest wird im Alltag deutlich seltener eingesetzt als die klassische Nüchternglukosemessung. Dadurch könnten frühe metabolische Veränderungen übersehen werden.
Auch die koronare mikrovaskuläre Dysfunktion nennt sie als potenziell unterschätzte Folge. Neuere Daten zeigen, dass intramuskuläres Fett nicht nur mit Insulinresistenz korreliert, sondern auch mit einem erhöhten Risiko für mikrovaskuläre Herzfunktionsstörungen verbunden sein könnte.
Für Hofmann ist klar: Künftig wird es stärker um Muskelqualität und Körperkomposition gehen – nicht allein um Gewichtsreduktion. Der Muskel sei das zentrale Organ für die insulinabhängige Glukoseaufnahme und damit entscheidend für den systemischen Stoffwechsel.
Gerade im Alter werde der Erhalt von Muskelmasse deshalb therapeutisch wichtiger. Reine Gewichtsabnahme greife zu kurz. Entscheidend sei, Muskelgesundheit aktiv zu fördern und Muskelabbau frühzeitig entgegenzuwirken.
Das Interview macht deutlich: Die Diabetologie bewegt sich weg von rein gewichtsbasierten Risikomodellen hin zu einer differenzierteren Betrachtung von Fettverteilung, Muskelgesundheit und geschlechtsspezifischen Stoffwechselmustern.
Für die Praxis stellt sich damit eine zentrale Frage: Welche metabolischen Risiken bleiben heute noch unerkannt, weil die falschen Marker im Fokus stehen?