Prädiabetes als heterogener Risikozustand
Dass Prädiabetes kein einheitliches Krankheitsbild, sondern ein heterogener Risikozustand ist, hob Prof. Wagner vom Deutschen Diabetes Zentrum (DDZ) der Universität Düsseldorf hervor. Klassisch wird Prädiabetes über Glukosewerte definiert: ein gestörter Nüchternblutzucker, eine gestörte Glukosetoleranz im oralen Glukosetoleranztest (oGTT) oder ein HbA1c-Wert im Grenzbereich. Doch hinter ähnlichen Blutzuckerwerten können sehr unterschiedliche Mechanismen stehen: eine verminderte Insulinsekretion, eine Insulinresistenz, eine viszerale Adipositas, eine Fettleber, eine genetische Prädisposition und andere Faktoren. Entsprechend unterscheiden sich Menschen mit Prädiabetes deutlich voneinander.
So ist bei einem Teil der Betroffenen der Prädiabetes bereits klinisch relevant. Bei manchen Personen beginnen ungünstige Stoffwechselprozesse und frühe Organschäden schon vor Erreichen der diagnostischen Schwelle zum Diabetes. Analysen zeigen, dass sich mehrere Subtypen eines prädiabetischen Stoffwechsels unterscheiden lassen.1 Unterschiede bestehen hinsichtlich Insulinsensitivität, Insulinsekretion, Leberfettgehalt, viszeraler Fettverteilung und genetischem Typ-2-Diabetes-Risiko. Die Forschenden unterscheiden sechs Subtypen, von denen drei (die Subtypen 1, 2 und 4) ein niedriges Diabetesrisiko aufweisen.
Subtyp 1 war mit durchschnittlich 26,82 kg/m² übergewichtig, Subtyp 2 mit 23,45 kg/m² normalgewichtig. Beim Subtyp 3, der mit einem BMI von 29,15 kg/m² ebenfalls übergewichtig bis adipös war, produzierten die Betazellen nicht mehr genügend Insulin, um den Blutzucker im Normalbereich zu halten. Subtyp 4 war mit einem mittleren BMI von 31,54 kg/m² ebenfalls adipös; das Fett lagerte sich aber überwiegend subkutan und nicht im Bauchbereich ab, der Glukosestoffwechsel war nicht gestört. Der adipöse Subtyp 5 (BMI 34,45 kg/m²) wies einen sehr hohen Fettgehalt der Leber und eine ausgeprägte Insulinresistenz auf. Diese Patienten haben das größte Diabetesrisiko, und auch die Gefahr von Nieren- und Gefäßerkrankungen ist am höchsten. Der Subtyp 6 (BMI 34,94 kg/m²) zeigte bereits Folgeschäden an den Nieren, noch bevor sich der Typ-2-Diabetes manifestierte.
Ein kritisches Interventionsfenster
Das „kritische Interventionsfenster“ bei Menschen mit Prädiabetes sollte unbedingt genutzt werden, betonte Prof. Jumpertz-von Schwartzenberg, denn die Prävention des Typ-2-Diabetes lässt sich durch frühe Interventionen verbessern. Daten der Diabetes-Prevention-Study belegen, dass sich durch Lebensstilinterventionen eine Risikoreduktion von bis zu 58 % erreichen lässt.2 Das Tübinger Konzept der Prädiabetes-Remission (Prediabetes Lifestyle Intervention Study, PLIS) zeigt dabei, dass die reine Gewichtsabnahme für das Erreichen einer Normoglykämie offenbar nicht entscheidend ist.3
In PLIS waren über 1.100 Menschen mit Prädiabetes eingeschlossen, wurden risikostratifiziert und erhielten eine Lebensstilintervention in verschiedenen Intensitäten. Es wurden repetitive OGTTs, Ganzkörper-MRTs zur Bestimmung des Körperfettanteils sowie Messungen des Leberfetts durchgeführt. Als Ziel definiert wurde ein Gewichtsverlust von 5 %. Die Ergebnisse zeigten, dass 234 Studienteilnehmende innerhalb eines Jahres kein Gewicht verloren oder sogar – trotz Lebensstiländerung – an Gewicht zulegten. Dennoch normalisierte sich bei gut 22 % von ihnen der Blutzuckerspiegel.
Über neun Jahre wurde das Auftreten von Typ-2-Diabetes nachverfolgt: Auch ohne Gewichtsverlust hatte diese Gruppe eine bis zu 71% geringere Wahrscheinlichkeit an Diabetes zu erkranken. Das entspricht nahezu dem Wert derjenigen, die mittels Gewichtsabnahme ihr Diabetesrisiko senken konnten: 73 %. Untersucht wurde auch das Verhältnis zwischen stoffwechselaktivem Viszeralfett und Subkutanfett. Diejenigen Probanden, deren Blutzuckerspiegel sich ohne Gewichtsabnahme wieder normalisierte, wiesen durch die Lebensstilveränderung einen geringeren Anteil an Bauchfett auf verglichen mit denjenigen, deren Blutzuckerspiegel im prädiabetischen Bereich blieb. Das zeigt: Sport und eine ausgewogene Ernährung wirken sich günstig auf den Blutzucker aus - unabhängig von einer Gewichtsreduktion.
Vollkorn, Obst und Gemüse
Prädiabetes geht mit einem vier- bis sechsfach erhöhten Risiko für Typ-2-Diabetes einher, erinnerte PD Dr. Schlesinger vom Deutschen Diabetes-Zentrum (DDZ) in Düsseldorf. Besonders bei Übergewicht sei eine Gewichtsreduktion durch eine Kombination aus Ernährung und Bewegung essenziell, wobei es nicht die „eine richtige Ernährungsform“ gibt – entscheidend sei die individuelle und nachhaltige Umsetzung, betonte Schlesinger. Es gebe Evidenz, dass eine mediterrane Kost, eine fettarme Ernährung, Intervallfasten, eine kohlenhydratarme oder ballaststoffreiche Ernährung sowie der Einsatz von ungesättigten Fettsäuren die Insulinsensitivität verbessern und so das Diabetesrisiko senken können. Es gibt auch Hinweise darauf, dass eine moderat eiweißreiche Ernährung und fermentierbare Ballaststoffe die Betazellfunktion optimieren und eine Vitamin-D-Supplementation das Diabetesrisiko reduzieren können. Eine mediterran orientierte Ernährungspyramide könnte so aussehen:
- Vollkornprodukte verzehren (Vollkornbrot, Haferflocken)
- viel Obst und Gemüse vor allem grünes Blattgemüse
- fettarme Milchprodukte
- hochwertige Öle (Olivenöl, Rapsöl, Leinöl)
- Nüsse und Samen integrieren
- eiweißreiche Lebensmittel integrieren (fettarme, pflanzenbasierte Proteine, Proteine aus Fisch, weißem Fleisch oder Eiern; rotes Fleisch auf eine Portion pro Woche reduzieren)
Moderne Pharmakotherapie
Eine pauschale medikamentöse Behandlung aller Menschen mit Prädiabetes hält Prof. Perakakis vom Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden nicht für sinnvoll. Entscheidend sei vielmehr, Hochrisiko-Personen besser zu identifizieren und gezielter zu behandeln. Seiner Einschätzung nach sind moderne Therapien wie GLP-1-basierte Medikamente oder SGLT2-Hemmer wissenschaftlich interessant, insbesondere für bestimmte Hochrisikogruppen. Ihr Einsatz bei Prädiabetes müsse jedoch mit Blick auf Patientenselektion, Langzeitnutzen, Sicherheit und Kosten-Nutzen-Verhältnis geprüft werden.
Diabetes Kongress (DDG) City Cube Berlin, 13. Bis 16. Mai 2026. https://diabeteskongress.de/Symposium: Prädiabetes im Brennpunkt: Zwischen Heterogenität, Kontroverse und neuen Therapieansätzen. 15. Mai 2026.
- Datengetriebene Analysen: https://www.nature.com/articles/s41591-020-1116-9
- Daten: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/11832527/
- PLIS: https://www.medizin.uni-tuebingen.de/de/das-klinikum/pressemeldungen/meldung/596