Dr. TikTok: Wenn Gesundheitstipps aus dem Algorithmus kommen

Erst Dr. Google, jetzt Dr. TikTok: Immer mehr Patienten vertrauen Gesundheitstipps aus dem Algorithmus. Drei von vier können seriöse Quellen nicht von Fake unterscheiden, mit Folgen für die ärztliche Beratung

Das Wichtigste auf einen Blick

  • Gesundheitsinformationen werden heute überwiegend im Internet und in sozialen Medien recherchiert.
  • Drei von vier Erwachsenen in Deutschland können Gesundheitsinformationen unzureichend einschätzen.
  • Neben Falschinformationen treten zunehmend KI-generierte Fake-Experten auf, die unter dem Namen seriöser Institutionen werben.
  • Auf der DDG-Tagung diskutierten Content-Creator aus dem medizinischen Bereich erstmals dieses Thema auf großer Bühne.

Warum das Internet zur ersten Anlaufstelle wurde

Ein Grund, warum Gesundheitsinformationen im Internet so beliebt sind, ist das ständig verfügbare Smartphone. Gleichzeitig sind Ärzte oft schwer erreichbar. Wie eine Umfrage aus dem Jahr 2024 belegt, beklagen Patienten am häufigsten die schlechte telefonische Erreichbarkeit ihrer Arztpraxis. Viele Patienten klagen außerdem, dass Ärzte sich zu wenig Zeit nehmen oder nicht ausreichend informieren. Ein Viertel der Befragten fand das Arztgespräch viel zu kurz. In dieses Vakuum stoßen soziale Medien mit gemischten Folgen.

Fehlinformationen mit Millionenreichweite

Dr. Huttasch, der seit September 2024 selbst Inhalte auf Instagram erstellt, zeigte einen Zusammenschnitt aus 22 Kurzvideos, die in den letzten Monaten im Umlauf waren. Darunter waren nicht nur Aussagen von Geistheilern und Schamanen, sondern auch Beiträge von Apothekern und Ärzten.

Die Behauptungen reichten von Tipps wie „Urin ins Gesicht schmieren“ bis hin zu Aussagen, dass Obst die Leber verfette und dick mache. Es gab auch Warnungen vor Impfungen sowie die Empfehlung, Tetanus mit Vitamin C aus Kiwis zu behandeln. Typische Verschwörungstheorien waren ebenfalls dabei: Studien seien nicht vertrauenswürdig, weil sie von Pharmafirmen finanziert würden, Cholesterin sei eigentlich gesund und Grenzwerte würden absichtlich gesenkt, um mehr Medikamente zu verkaufen. Semaglutid wurde mit Magenlähmung und Krebsrisiko in Verbindung gebracht und Typ-1-Diabetes wurde als Folge eines Vitamin-D-Mangels dargestellt, der mit Vitamin D3 heilbar sei.

Solche Inhalte erreichen nicht nur kleine Gruppen, sondern teilweise Millionen Menschen.

Geringe Gesundheitskompetenz verschärft das Problem

Eine aktuelle Studie der Technischen Universität München zeigt: Drei von vier Erwachsenen haben große Defizite in der Gesundheitskompetenz. Sie können verlässliche Gesundheitsinformationen im Internet weder gezielt auffinden, also seriöse Quellen erkennen und ansteuern, noch deren Inhalte kritisch bewerten. Auf der einen Seite steht also eine massiv gestiegene Nachfrage nach digitalen Gesundheitsinformationen, auf der anderen Seite eine Bevölkerung, der die Werkzeuge zur Einordnung dieser Informationen weitgehend fehlen.

Reichweite als Verkaufsinstrument

Soziale Medien informieren nicht nur, sondern dienen auch als Verkaufskanal. Dr. Huttasch beschrieb, wie solche Verkaufsstrategien oft ablaufen:

  1. Eine klassisch geltende Information wird als „falsch“ entlarvt (etwa: „Wer abnehmen will, muss Kalorien reduzieren – falsch!“).
  2. Ein alternatives, oft irreführendes Modell wird präsentiert.
  3. Kostenlose Zusatzinhalte werden gegen Angabe von Namen, E-Mail-Adresse oder Telefonnummer in Aussicht gestellt.
  4. Der zugesandte Report oder das Video löst das Problem nicht, sondern führt zu einem hochpreisigen Einzel- oder Gruppencoaching.

Als Beispiel zeigte er ein Video, in dem eine animierte Leber die Zuschauer auffordert, sie zu „reinigen“, um Bauchfett zu verlieren und den Stoffwechsel anzukurbeln. Danach wird auf einen „studierten Ernährungsberater“ verwiesen.

Neue Dimension: KI-generierte Fake-Experten

Eine neue Herausforderung sind KI-generierte Personae. In Videos erklären angebliche Experten geheime Gesundheitsweisheiten, doch diese Menschen gibt es gar nicht. Auch Organisationen wie die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) oder die Charité haben immer häufiger damit zu tun, dass ihre Namen und deren Experten mit KI nachgeahmt werden, um Produkte zu bewerben. 

Fazit

Gesundheitsinformationen im Internet sind heute überall und nicht immer harmlos. Die Grenze zwischen seriöser Aufklärung und gefährlicher Fehlinformation ist schmal und wird durch KI-Inhalte noch unklarer. Die DDG-Tagung zeigte, wie wichtig es ist, dass medizinische Fachleute auch in sozialen Medien aktiv aufklären. Mindestens genauso wichtig: Menschen müssen lernen, Gesundheitsinformationen im Netz richtig einzuschätzen, das gelingt nur mit gezielter Aufklärung und Schulung.

Quelle:
  1. DIABETES KONGRESS 2026.Einführung: wer nutzt das Internet und wer verdient an med. Fehlinformationen?[Online video] https://ddg.meta-dcr.com/kongress2026/crs/einfuhrung-wer-nutzt-das-internet-und-wer-verdient-an-med-fehlinformationen (Last Accessed: 2026-05-20).Maximilian Huttasch.