Diabetische Retinopathie: Wann das Screening anders aussehen muss
Etwa jeder dritte Diabetiker entwickelt eine diabetische Retinopathie. Die aktualisierte DDG-Praxisempfehlung schärft Screening-Intervalle und Behandlungsindikationen für die Praxis.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Die diabetische Retinopathie (DR) ist weltweit eine häufige vaskuläre Komplikation des Diabetes mellitus.
- Die DR-Inzidenz korreliert mit der Diabetesdauer, Blutdruck, Dyslipidämie, Nierenfunktion und Hba1c-Wert.
- Die Prävention von Visusverlust basiert u.a. auf der Früherkennung asymptomatischer DR-Stadien mit rechtzeitiger Therapieeinleitung.
- Wichtige Management-Tools: die systematische Einbindung der Patienten in Disease-Management-Programme (DMP) sowie in die hausärztlich-diabetologische Versorgung.
- Typ-1-Diabetes: erstes DR-Screening innerhalb von 5 Jahren nach Manifestation, danach jährlich.
- Schwangerschaft bei vorbestehendem Diabetes: Screening direkt, in jedem Trimester und bis 1 Jahr post partum.
- Kinder unter 11 Jahren: DR-Screening bei Typ-1-Diabetes-Dauer über 5 Jahre.
- Regelmäßige ophthalmologische Kontrollen bei Therapieintensivierung (Insulin, GLP-1-Analoga) und nach bariatrischer OP.
Verschiedene Augenkomplikationen bei DM
Die diabetische Retinopathie (DR) ist eine schwerwiegende Komplikation des Diabetes mellitus. Weltweit sind diese Komplikationen mit Sehverlust assoziiert. Die Prävalenz für die DR liegt bei 25–30 % (einigen Studien zufolge sogar bis zu 90 %) bei Typ-1-Diabetes und bei 9–16 % bei Typ-2-Diabetes. Im klinischen Alltag stellen sich Patienten mit DR mit fehlenden Bildteilen – Skotomen – vor. Im Praxisalltag darf man dennoch nicht nur an die DR denken. Weitere Augenkomplikationen bei DM sind:
- Katarakt (Grauer Star) mit einer Prävalenz von 30 %; 2-3-fache Risikoerhöhung
- Glaukom (Grüner Star) mit einer Prävalenz von 7 %; 2-fache Risikoerhöhung1
Awareness für DR im Praxisalltag
Prof. Dr. med. Stephan Kopf machte das Auditorium auf ein wichtiges unmet need aufmerksam. Hierzu stellte er eine Grafik aus einer 10 Jahre alten Studie vor:
Damals gaben 17 % der DM-Patienten an, vom behandelnden Arzt auf die Augenkomplikationen aufmerksam gemacht worden zu sein – und das auch nur, wenn diese symptomatisch wurden. Positiv zu bewerten war, dass 21 % der DM-Patienten bei jedem Arztbesuch und 24 % mehrmals im Jahr vom Arzt nach Augenkomplikationen befragt wurden.1
Eine rechtzeitige und intensive Blutzuckereinstellung ist das A und O
Kopf stellte in seinem Vortrag wichtige Einflussfaktoren auf die Entwicklung und Eindämmung einer DR vor. So korreliert die DR-Inzidenz mit der Diabetesdauer, Blutdruck, Dyslipidämie, Nierenfunktion und Hba1c-Wert. Die jährliche Progressionsrate von milder NPDR (nichtproliferativer diabetischer Retinopathie) zu VTDR (Vision-Threatening Diabetic Retinopathy) beträgt 3-5 %. Eine intensive Blutzuckereinstellung kann jedoch das Risiko für die Entwicklung sowie Progression der DR um bis zu 76 % reduzieren, so Kopf.1
Hyperglykämie und die Hypertonie sind pathophysiologisch relevant bei DR
Im Rahmen der Pathophysiologie der DR spielen vor allem Hyperglykämie und Hypertonie eine wichtige Rolle, da sie oxidativen Stress und Gliazell-Aktivierung verursachen können. Die hieraus resultierende Dysfunktion führt zu einer Abnahme der Neuroprotektion und zum Perizytenverlust an der Blut-Retina-Schranke. Folgen hieraus sind Neurodegeneration, Kapillarverlust, chronische Ischämie und Gefäßproliferation. Bei der ophthalmologischen Untersuchung können sich Blutungen, Exsudate sowie ein Makulaödem zeigen.1
Screening-Ziele im klinischen Alltag
Die Prävention von Visusverlust basiert u.a. auf der Früherkennung asymptomatischer DR-Stadien mit rechtzeitiger Therapieeinleitung. Die Verbesserung der Adhärenz zu jährlichen ophthalmologischen Kontrollen spielt ebenfalls eine wichtige Rolle. Die systematische Einbindung der Patienten in Disease-Management-Programme (DMP) und die hausärztlich-diabetologische Versorgung stellen Kopf zufolge wichtige Management-Tools dar. Gescreent werden sollten alle Typ-1- und Typ-2-Diabetiker. Bei Typ-1-Diabetes wird empfohlen, das erste DR-Screening innerhalb von 5 Jahren nach Manifestation des DM zu veranlassen und im Verlauf die ophthalmologischen Kontrollen jährlich fortzuführen. Bei vorbestehendem Diabetes und Schwangerschaft sollte direkt, in jedem Trimester sowie bis 1 Jahr post partum ein DR-Screening erfolgen. Bei Kindern unter 11 Jahren ist es ratsam, ein DR-Screening zu veranlassen, wenn der Typ-1-Diabetes seit über 5 Jahren besteht. Vor einer geplanten oder nach einer schnellen und deutlichen Blutglukosesenkung müssen alle DM-Patienten kurzfristig ein ophthalmologisches Konsil erhalten, da es zu einer Verschlechterung einer vorbestehenden DR kommen kann. Auch bei einer Therapieintensivierung mittels Insulin oder GLP-1-Analoga sowie bei einer bariatrischen Operation ist es empfehlenswert, regelmäßige ophthalmologische Kontrollen durchführen zu lassen.1
- Kopf, Stephan, Prof. Dr. med., Praxisempfehlung der DDG: Diabetische Retinopathie 60. Diabetes Kongress, 14. Mai 2026 CityCube Berlin.
- Mohammed Ramzi Mohammed, Shahd Ashraf Fathi Global Prevalence of Diabetic Retinopathy Over the Last Decade (2015–2025): A Scoping Review. medRxiv 2025.07.24.25332019.